Sonntag, 31. Oktober 2010

Multikulti in der Praxis

Bei uns im Kindergarten sieht das so aus:

Freundliche E-Mail der Leitung: "Liebe Eltern, aufgrund der Nachfrage einiger Kinder und Eltern haben wir uns entschieden, dieses Jahr im Kindergarten Halloween zu feiern. Auch wenn Halloween ein Fest ist, das in einer ganzen Reihe von Ländern verbreitet ist, ist uns bewusst, dass es nicht überall gefeiert wird. Wir werden deshalb für die Kinder, deren Eltern nicht möchten, dass sie sich an den Feierlichkeiten beteiligen, einen Raum herrichten, in dem sie einen ganzen normalen Tagesablauf folgen können. Bitte lassen Sie uns so bald wie möglich wissen, ob sie einverstanden sind, dass ihr Kind an der Halloweenfeier teilnimmt - oder nicht."

Lieselotte will eigentlich nicht, dass das Lieschen Halloween feiert. Sie fragt den Alimustafa, was er davon hält. Alimustafa hat in [Land in Nordamerika] als Kind selbst Halloween gefeiert und sieht kein Problem dabei.

Mittwochmorgen im Kindergarten:

Lieselotte: "Hi Lilly, sag mal, wegen der E-Mail, die ihr da letztens rumgeschickt habt, die wegen Halloween - Wieviele Eltern haben sich denn bis jetzt gemeldet, die meinen, sie wollten lieber nicht, dass ihr Kind Halloween feiert?"

Lilly: "Oh, bis jetzt ist es ein Kind."

Lieselotte: "Oh. Achso - ähm..."

Lilly: "Ja, warum? Wäre das ein Problem für euch?"

Lieselotte: "Naja, ich hätte eigentlich gesagt, dass ich nicht will, dass sie es mitfeiert. Aber ich will auch nicht, dass alle Kinder feiern und sie dann mit einem anderen Kind in einem separaten Raum sitzt. Also, wenn es wirklich nur ein anderes Kind ist, dann soll sie mit den anderen feiern."

Lilly: "Ja, aber die Halloweenfeier wäre wirklich auch in Ordnung, da brauchst du dir keine Sorgen machen, wir backen nur Plätzchen, basteln Kürbisbilder und singen Itsy Bitsy Spider und so... Also nichts Gruseliges, keine Sorge! Wir können auch noch ein bisschen warten und wenn sich noch mehr Eltern melden, dann können wir das Lieschen mit den anderen Kindern in dem separaten Raum betreuen, ja?"

Lieselotte: "Ach, nee nee, das ist schon in Ordnung. Wenn es bis jetzt wirklich nur ein anderes Kind ist, dann wäre das ja Quatsch, das will ich nicht. Vielleicht frage ich einfach am Freitag morgen noch mal. Aber das sollte schon okay sein."

Lilly: "Gut."

Monique: "Bist du dir sicher? Wenn nicht, dann sag halt einfach noch mal Bescheid, ja? Wir wollen dich auf keinen Fall zu einer Entscheidung zwingen, mit der du eigentlich nicht einverstanden bist!"

Lilly: "Ja, und wenn dir selbst irgendwelche Feste einfallen, von denen du gerne hättest, dass sie im Kindergarten gefeiert werden, dann sag auch Bescheid. Wir haben bis jetzt nie Halloween gefeiert und machen das dieses Jahr nur auf ausdrücklichen Wunsch einiger Eltern und Kinder."

"Es gibt einen extra Raum" statt "natürlich machen alle mit". "Liebe Eltern, was haltet ihr davon" statt "So läuft das hier". "Ihr könnt auch was beitragen" statt "So ist das halt hier". "Wir nehmen Rücksicht auf das, was euch wichtig ist" statt "Wo kommen wir denn hin, wenn jedem eine Extrawurst gebraten wird".

Das ist Multikulti, wie ich es meine.

Samstag, 30. Oktober 2010

Tube-Geschichten (04)

"Was ist denn jetzt schon wieder los?!" - jeden Morgen die gleiche Frage. Diese tube-Linie fällt heute aus, auf jener gibt es Verspätungen und diese dort fährt nur zwischen dieser und jener Station. Signalstörungen, Probleme mit den Gleisen, eine Tür, die nicht schließt, Streik. Irgendwas ist immer.

Wenn ich erzähle, dass ich in [einer Metropole - besser: Moloch - Südasiens] regelmäßig Auto gefahren bin, ernte ich immer wieder Erstaunen und Bewunderung. Dabei ist die wirkliche Herausforderung ist nicht südasiatischer Feierabendverkehr in der Großstadt - es ist eine Reise mit der London tube von A nach B.

Am schlimmsten ist es vor neun Uhr morgens und nach halb sechs Uhr abends, wenn alle Pendler versuchen, sich noch in einen Zug zu quetschen. Schon im Gang auf dem Weg zu den Gleisen staut sich die Masse an Menschen - fünfzig Meter, hundert. Und das in einem zehn Meter breiten Gang. Du kommst nur im Schritttempo weiter. Dass du schließlich doch wohlbehalten am Gleis angekommen bist, heißt gar nichts. Du musst dich erst noch in einen der Züge kämpfen. Das klappt nicht immer beim ersten Mal, aber je länger du dort stehst, desto skrupelloser wirst du - und schaffst es schließlich doch.

Da stehst du dann, die Haare der Frau vor dir im Gesicht, spürst den Atem des Mannes neben dir auf deiner Nase und machst komische Verrenkungen, um an die Haltestange zu kommen ohne dem Jungen neben dir auf den Fuß zu treten. Dabei ist, die Haltestange zu erreichen, eigentlich nur von peripherer Bedeutung, da du, selbst bei einer Vollbremsung, gar nicht fallen kannst. Besonders nett ist die ganze Übung mit einem Kleinkind auf dem Arm oder im Buggy - wobei es hier auch einen Vorteil gibt: Wenn du Glück hast, verfällt das Kleine nach einer Weile in panikartige Platzangst und fängst so laut an zu schreien, dass du aus Mitleid doch noch einen Sitzplatz angeboten bekommst.

Südasien kann breitere Straßen bauen, striktere (und weniger korrupte) Verkehrskontrollen einführen und eigentlich längst nicht mehr verkehrstüchtige Uraltautos verbieten. Was aber ist mit London? Warten wir hier, bis in einem der überfüllten Gänge, in denen es weder vor noch zurück geht, die erste Massenpanik ausbricht - oder wird da vielleicht schon mal vorher was gemacht?

Freitag, 22. Oktober 2010

Tube-Geschichten (03)

Treppen rauf, Treppen runter, meine Tasche mit den Unterlagen über dem einen Arm, die Tüte mit Frühstück-Vormittagssnack-Mittagessen-Nachmittagssnack in der einen Hand, den Griff vom Buggy mit dem Lieschen drin in der anderen. Einen Aufzug oder Rolltreppen gibt es in den wenigsten tube-Stationen und das Netz der Gänge, Treppen, wieder Gänge, durch die man sich schlängeln muss, um zur nächsten Bahn, dem Ausgang zu kommen, scheint schier unendlich.

"Entschuldigung -", "Könnten Sie vielleicht -", "Würden es Ihnen was ausmachen -" - die meisten Leute helfen ja. Manche, sogar ohne dass ich einen meiner kleinen Sprüche aufsagen muss. Oft sind es junge Frauen, die einem während dem Buggy-die-Treppe-Hochschleppen dann zuzwinkern und meinen: "Zwei, drei Jahre alt, hm? Meine ist anderthalb".

Emily und Helen musste ich auch nicht lange um Hilfe bitten. Emily hat sich einfach das Fußende des Buggys geschnappt und los ging's. Jede weitere Treppe, die, nachdem man das schwere Ding gerade mal abgesetzt hatte, schon wieder am Ende des Ganges auftauchte, wurde von ihr mit einem lauten Lachen begrüßt: "Nee, oder?! Die spinnen doch, wie soll man das denn machen, mit nem Buggy? Jetzt stellt euch mal vor, da ist einer im Rollstuhl unterwegs!".

Auf dem Gleis angekommen schnaufen wir beide. Sie verwirft sie mein "Dankeschön" mit einem "Schon in Ordnung, Liebes" und schickt ein gurrendes Lachen hinterher: "Wie hättest du das denn machen sollen, ohne uns?!" In der Bahn ziehen wir noch etwas über das Londoner Nahverkehrssystem her, ich versichere den beiden, dass es an meiner Endhaltestelle einen Lift gibt und ich bestimmt auch morgen wieder jemanden finde, der mir beim Schleppen hilft. Zum Abschied umarmt sie mich und das Lieschen und ihre Freundin winkt uns, dann steigen die beiden aus. Und das Lieschen und ich fahren weiter, bis zur Endhaltestelle, wo ein Lift auf uns wartet.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Multikulti at its best

Mellow Mark / Momo Djender / Rani Krija (Mellow Maroc): Live-Konzert in Köln

Was kommt dabei heraus, wenn man einen algerischen Kölner an der Trommel, einen marokkanischen Berliner, der singt, Gitarre und Flöte spielt, und einen deutschen Muslim, der Reggae macht, zusammenbringt und sie Musik machen lässt? Vielleicht sowas wie Mellow Maroc.



Montag, 11. Oktober 2010

Das ist halt so

Wenn einem einer erklären will, warum man natürlich als Kopftuchmuslima nicht als Lehrerin, Richterin, Verkäuferin bei Kaufhof arbeiten kann, dann heißt es oft: "Na ja, das ist halt so, wenn sich da einer mit nem riesen Irokesenschnitt oder ner großen pinken Brille bewirbt, dann wird der ja auch nicht genommen".

Ich habe den Mann heute in einer der größeren U-Bahn-Stationen in der Londoner Innenstadt gesehen. Er war einer der tube-Angestellten, stand da in der Tickethalle und hat seine Arbeit gemacht wie alle anderen. Man hat ihn schon von weitem erkennen können; da war sein Iro dran Schuld. Mehr als 20 Zentimeter lang, die ersten paar Zentimeter schwarz, der Rest knallrot gefärbt. Vom Arbeiten hat der ihn nicht abgehalten.

Noch Fragen?

Sonntag, 10. Oktober 2010

Kein Hass

Der Großteil der Muslime, die ich kenne, sind ziemlich homophob. Der Großteil der Türken, Araber, Spanier, Türken, Italiener (alle eben, die von Gesellschaften geprägt sind, die noch ziemlich traditionell sind), die ich kenne, haben ein Problem mit Homosexuellen. Und natürlich, gibt es auch viele Deutsche, die eine Abscheu gegen Schwule und Lesben hegen.

Jetzt ist es eine Sache, eine Lebensart oder eine Gruppe von Menschen gut zu finden oder auch nicht. Das alleine ist wohl jedem selbst überlassen. Die Grenze ist für mich dann erreicht, wenn die eigene Einstellung dem anderen gegenüber deutlich gemacht wird - durch missbilligende Blicke, abfällige Kommentare oder noch schlimmer, Beschimpfungen oder einen tätlichen Angriff. Ich will das nicht, wenn Muslime die Opfer sind oder Türken oder Kopftuchträgerinnen; und ich hab auch was dagegen, wenn es um jemanden geht, der schwul oder lesbisch ist.

In einem Kurs, an dem ich mal in meiner Moschee in [der Stadt, in der ich in Deutschland lebe] teilgenommen habe, hat der Vorsitzende der Moschee erklärt: "Wie kann man als Muslim einen Menschen hassen? Wir sollen nicht den Menschen hassen - vielleicht missbilligen wir seine Taten - aber wir hassen doch nicht die Person an sich!" Da könnte sich so mancher mal ein paar Gedanken drüber machen. Und auch über die Frage, ob wir Ähnliches unterschiedlich bewerten. Sex zwischen Männern und zwischen Frauen mag im Islam verboten sein. Aber reagieren wir mit der gleichen Vehemenz, die einem Schwulen oder einer Lesbe entgegen gebracht wird, gegenüber Leuten, die andere Taten begehen, die im Islam als Sünde angesehen werden? Was ist mit Ehebruch? Mord? Diebstahl? Übler Nachrede?

Und wie kam ich darauf? Ach ja, Hauke hat mir diesen Link zu einem Video auf Youtube geschickt.

Übrigens, das fällt mir gerade noch ein, habe ich oft eine Parallele zwischen meiner Situation als Gerade-Neu-Muslima und einem Schwulen, der sein Comingout noch vor sich hat, gesehen: "Wem sag ich's? Wem nicht? Wie sag ich's? Wie werden sie reagieren? Was wird anders sein? Ich will so leben - trau ich mich's zu sagen?" - das sind Fragen, die ich auch sehr gut kenne.

Samstag, 9. Oktober 2010

Ein bisschen Anti-Islam

Stefan Weidner in einem Qantara-Artikel über die Anti-Islambewegung in Deutschland und Europa, welche Rolle die deutschen Medien dabei spielen und wie man sich den Anti-Muslimisten gegenüber verhalten soll. Wer mehr wissen will: Vom 3. bis 5. Dezember findet in Köln ein vom Verein zur Förderung politischen Handelns organisiertes Seminar zum Thema statt. Referentin ist die Juristin und Islamwissenschaftlerin Nahed Samour. Mehr dazu hier.

Freitag, 8. Oktober 2010

Alles bio oder was

Wo wir's hier ja letztens von bio, öko und so weiter hatten: Auf tagesschau.de findet sich eine interaktive Karte mit einer Menge Infos zum Thema billiges versus gesundes Essen. Unter dem Menüpunkt "Pro / Contra Bio" ist eine ganze Reihe von Argumenten für und gegen Bio-Lebensmittel aufgelistet, die jeweils von beiden Seiten beleuchtet werden: Ist "Bio" wirklich artgerechter und umweltbewusster, sind die Tiere tatsächlich glücklicher und gesünder - eine ganze Menge von Fakten also, leserfreundlich aufbereitet. Lohnt sich, einen Blick drauf zu werfen, meint die Lieselotte.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Back to School

Jetzt ist die Lieselotte also wieder Studentin.

Die ersten Tage an der Uni waren von Panik geprägt. Oh nee, kriege ich die Studiengebühren rechtzeitig zusammen? Was ist mit der Bafög-Bewerbung? Wie soll ich diese endlos komplizierte Kurswahl bewältigen? Was soll ich mit einem Betreuer, der mein (Ur-)Großvater sein könnte und deutliche Zeichen von Parkinson aufweist? Was mache ich, wenn der Prof im Seminar rauskriegt, dass ich keine Ahnung habe, von was er spricht? Wie kaschiere ich, dass ich mich auf Englisch längst nicht so eloquent ausdrücken kann wie all die Amis und Kanadier in meinem Kurs? Sind die anderen Studenten alles so arrogante Sockel wie der Typ letztens in dem Seminar? Krieg ich - nach all der Zeit - überhaupt noch nen akademischen Essay hin? Und was ist mit dem Lieschen? Wird sie sich im Kindergarten eingewöhnen? Was mache ich, wenn sie sich nach zwei, drei Wochen immer noch nicht eingewöhnt hat, ich sie wieder aus dem Kindergarten nehmen muss und dann ein angebrochenes Studium und ein traumatisiertes Kind habe?

In der Zwischenzeit ist der erste Schock vorbei. Das mit den Studiengebühren und dem Bafög kommt schon irgendwie hin, die Kurswahl ist gut gelaufen, der Betreuer sehr nett, ab und zu blamiert man sich halt mal durch nur mittelqualifizierte Beiträge im Seminar (na und? wenigstens hab ich was gesagt, und nächste Woche erinnert sich da eh keiner mehr dran). Das mit dem Englisch wird bestimmt auch bald besser, die meisten Studenten sind ganz okay und das Lieschen hat sich super im Kindergarten eingelebt. Alles eigentlich ganz gut gelaufen, Gott sei Dank, und ich freue mich auf ein Jahr, das verspricht, spannend zu werden.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Wie öko bist du?

Fleischkonsum, Flugreisen, Fenster auf und Heizung an - wie öko bist du? Hagen Rether über einige wesentliche Fragen, die wir uns viel zu selten stellen.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Gemeinsam ins Verderben

"Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, daß es dem andern schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, daß es dem andern auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht."

Karl Kraus (1874 - 1936)

Montag, 4. Oktober 2010

Ihre Lieder und Gedichte

Dieses Video habe ich im April schon einmal gepostet. Es war da schon über ein halbes Jahr alt, jetzt ist es über ein Jahr seit es aufgenommen wurde - aber das macht nichts. Aktuell ist, was Hagen Rether hier zum Thema Migranten in Deutschland und zur deutschen Türkeipolitik zu sagen hat, immer noch.

Und diese unsägliche Sarrazin-Debatte, die Deutschland so sehr in Aufregung versetzt hat in den letzten Wochen, ist mal wieder ein schöner Anlass, sich anzusehen, was einer von Lieselottes Lieblingskabarettisten zum Thema zu sagen hat . Der Mann bringt es auf den Punkt. Viel Spaß!

Sonntag, 3. Oktober 2010

Tag der Offenen Moschee

Heute ist nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern auch der Tag der Offenen Moschee (TOM), der seit 1997 jedes Jahr am 3. Oktober stattfindet. Deutschlandweit bieten eine ganze Reihe von Moscheen Führungen, Vorträge und Diskussionrunden rund um das Thema Islam und Muslime in Deutschland an. Eine schöne Möglichkeit, sich mal eine Moschee von innen anzusehen, beim Gemeinschaftsgebet zuzugucken und all die Fragen zum Thema zu stellen, die man schon immer mal loswerden wollte - meint die Lieselotte. Eine Liste der beteiligten Moscheen und angebotenen Veranstaltungen findet sich auf der TOM-Webseite.

Samstag, 2. Oktober 2010

Freitag, 1. Oktober 2010

Ein kleiner Aufkleber

Vor ein paar Tagen habe ich einen kleinen Aufkleber geschenkt bekommen. Schwarz-weiß-grün-rot - die palästinensische Flagge, auf der mit großen Lettern geschrieben steht: "Boycott Israeli Goods". Ich habe - den Sticker in der Hand - eine Weile überlegt; jetzt klebt er auf dem Etui meiner tube-Monatskarte. Grinst mich jedes Mal, wenn ich in die U-Bahn steige an. Und hinterlässt ein ungutes Gefühl.

Dabei ist eines klar: Ich bin dafür, israelische Produkte zu boykottieren. Wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich dafür, nicht das israelische Produkt zu kaufen. Weil ich ein Zeichen setzen möchte und diesen Staat, seine derzeitige Regierung und deren Politik nicht unterstützen möchte. Weil ich glaube, dass es Druck von außen ist, der Israel zum Überdenken seiner Palästinapolitik bringen kann: es muss ungemütlich werden, bevor man anfängt, in Frage zu stellen. (Mehr zum Konzept der Kampagne BDS, die auf Boykott, Desinvestition und Sanktionen gegen den israelischen Staat setzt, hier.)

Aber: Ich habe ein Problem mit solchen politischen Parolen. Ich bin für Dialog, für einen wertschätzenden Dialog und ich glaube nicht, dass man weit kommt, wenn man seinem Gegenüber einen Slogan wie eben diesen auf meinem Aufkleber konfrontativ entgegen knallt. Ich glaube, dass man sich damit Türen verschließt. Mein (imaginärer) israelischer Kommilitone würde sich vielleicht auf eine Diskussion zum Thema mit mir einlässen - aber der Sticker, das Statement zieht eine Mauer zwischen uns auf. Auch, und das ist das zweite Problem, weil er den, der mich mit dem Aufkleber sieht, sofort in eine Kategorie schiebt: "Aha, pro-Palis also!". Dabei bin ich nicht einfach pro-israelisch oder pro-palästinensisch. Diese Kategorien sind vielzu simplifizierend, um die Komplexität dessen, was das zwischen Mittelmeer und Jordan vor sich geht, zu beschreiben.

Ich höre manche schon sagen: "Ha ha ha, einen wertschätzenden Dialog willst du, Lieselotte? Mit Israel? Erzähl das mal dem Soldaten dort vorne am Checkpoint!". Und die anderen: "So so, israelische Produkte willst du also boykottieren - 'kauft nicht bei Juden', sind wir also wieder soweit?!". Aber von diesen beiden hat keiner verstanden, was ich meine und um was es mir geht.

Der Sticker klebt noch auf meinem Fahrkartenetui. Ob er dort bleibt, habe ich noch nicht entschieden.