Sonntag, 28. Februar 2010

Zu seiner Zeit

Nur mal so nebenbei: Den Hausflur in unserem Mietshaus schmuecken seit ueber einer Woche eine Vase mit Fruehlingszweigen, bemalten Holzblumen und zwei weissen Osterhaeschen. Ausserdem hat die Nachbarin, die ich verdaechtige, sich auf diese Weise kreativ ausgelebt zu haben, ihre Wohnungstuer mit einer Kette von Filzblumen behaengt. Im Drogeriemarkt unseres Wohnortes werden Oster- und Fruehlingsdekoartikel seit Mitte Januar verkauft.

Ostern ist dieses Jahr Anfang April. Das sind, was die Drogerie angeht, zweieinhalb Monate Vorlaufzeit; im Falle meiner Nachbarin immerhin noch anderthalb. Ich finde das fast so schlimm wie Gewuerzspekulatius und Schokonikolaeuse, die ab September verkauft werden. Jedem das seine, aber ich moechte nicht, wenn der Sommer kaum vorbei ist, schon an Weihnachten denken. Und Osterdeko bei fuenfzehn Zentimetern Schnee und Minusgraden halte ich genauso fuer unangebracht. Alles zu seiner Zeit - wie waer's?

Freitag, 26. Februar 2010

Style Islam

Cosmo TV (WDR) vom 21. Februar 2010 ueber die Firma styleislam und das Lebensgefuehl junger Muslime in Deutschland.

Dienstag, 23. Februar 2010

Zwischen Umzugskisten

Lieselotte inmitten von einem Chaos aus fertig gepackten, halb gepackten, leeren Umzugskartons, Kleindkindspielsachen, zum Trocknen aufgehängter Wäsche, noch zu sortierenden Dokumenten... Umzüge sind ätzend. Umzüge mit einem Kleinkind, das Mama-ach-so-gerne herausbekommen möchte, was denn da gerade in diesen riesengroßen Pappkartons verschwindet und sich das gleich mal von Nahem ansieht (sprich: anfasst, rausholt, in der Wohnung verteilt), sind richtig ätzend.

Eine Sache an Umzügen, die ich dagegen gerne mag, ist, dass man erst einmal wieder sieht, was man eigentlich alles hat, und viele Sachen, an die man vielleicht eine ganze Weile keinen oder kaum einen Gedanken verschwendet hat, plötzlich wieder in der Hand hält. Diesmal habe ich mich über meine Sommerkleider gefreut, die ich seit Monaten zum ersten Mal wieder vor mir liegen sah.

Ich stutzte, als mir bewusst wurde, dass ich zusammen genommen einen ganzen Umzugskarton voll Kleidern besitze. Etwas mehr als einen Umzugskarton voll; Wintermantel und Schuhe ausgenommen. Ich war baff. So viele Röcke, kurze Kleider, lange Kleider, lange Oberteile, kurze Oberteile... Kopftücher!

Das ist komisch, oder?, wenn man denkt, man hat eigentlich nicht viele Klamotten, und dann sind es so viele, dass man bestimmt mehrere Wochen hintereinander jeden Tag eine andere Kombi tragen könnte...? Wenn man so viel hat und es einem doch gar nicht bewusst ist?

Sonntag, 21. Februar 2010

Wissenschaft goes blogging

... und Profs und Hiwis veröffentlichen online schnell und unkompliziert ihre Texte zu wissenschaftlichen Themen.

Samstag, 20. Februar 2010

Dem Frieden eine Chance geben

Zum freiwilligen Friedensdienst in Christentum und Islam

Tagung, 26. bis 28.04.2010

"Inwieweit kann ein gemeinsames Verständnis von Freiwilligkeit
und Dienst für den Frieden muslimische und
christliche Partner in der Friedensarbeit zusammenführen?
Welche Beispiele aus der Praxis zeigen, dass Muslime
und Christen mit gleichen oder ähnlichen Konzepten
in Friedens- und Freiwilligendiensten arbeiten?

Gemeinsam mit christlichen und islamischen Partnern
soll überlegt werden, ob und wie ein gemeinsames theologisches
und gesellschaftspolitisches Verständnis
eines freiwilligen Engagements zu erlangen ist und
Basis einer Partnerschaft oder Zusammenarbeit sein
könnte. Inwieweit können Jugendliche, die einen
Migrationshintergrund aus islamisch geprägten Kulturen
haben, in Deutschland stärker als bisher für ein Engagement
in einem Freiwilligendienst gewonnen werden?

Auf der Tagung wird beispielhaft das Selbstverständnis
von Friedens- und Freiwilligendienst auf christliche und
muslimische Hintergründe hin beleuchtet. Ziel ist dabei,
die Sensibilität für die eigene Tradition zu stärken und
mit Menschen aus anderen Traditionen einen partnerschaftlichen
Dialog zu gestalten.

Der Austausch zwischen Menschen christlichen und
muslimischen Glaubens möchte dazu beitragen, sich
besser kennen zu lernen und über die Frage eines freiwilligen
Engagements für den Frieden intensiver ins
Gespräch zu kommen. Gleichzeitig soll auf das Engagement von
EIRENE in Ländern mit muslimischen Traditionen wie Marokko,
Niger und Bosnien aufmerksam gemacht werden.
Es ist geplant, dass Gesprächspartnerinnen und
Gesprächspartner aus diesen Ländern ebenfalls an der
Tagung teilnehmen."

Eine Tagung in Kooperation mit EIRENE, Church and Peace, der
Christlich-Islamischen Gesellschaft und der Muslimischen
Akademie
in Deutschland.

Freitag, 19. Februar 2010

Die Hamburger-Affaere

Grosse Aufregung wegen ein paar Hamburgern. Was ist da mal wieder los in Frankreich? Die belgisch-franzoesische Fastfood-Kette Quick, die nach amerikanischem Vorbild Burger, Pommes, Cola unter die Leute bringt, hat sich letztes Jahr entschieden, in einigen ihrer Restaurants auf halal Fleisch umzustellen. Die Speckbeilage auf dem Baconburger fehlt von nun an, und die Hamburgerbuletten sind angeblich den islamischen Speisevorschriften entsprechend produziert.

Die aufgeregten Stellungnahmen lokaler Politiker lassen nicht auf sich warten. So zum Beispiel auf der Webseite von Le Monde: Von "Diskriminierung" ist da die Rede, von "Ausgrenzung" und dass es doch unglaublich sei, dass Nichtmuslimen die Wahl zwischen halal Bulette und Baconburger genommen werde. Und alles wegen ein paar Hamburgern? Hm, vielleicht waere ich auch sauer, wenn es in meiner Lieblingspizzeria ploetzlich keine Kaesepizza mehr gaebe, weil der Inhaber den Veganer-Oekos von nebenan entgegen kommen moechte...? Aber ist es wirklich das, worum es geht? Nein, meint Fateh Kimouche, der die muslimische Verbraucherseite Al-Kanz betreibt:
"En réalité, là encore, ce n’est pas tant que Quick dédie 8 restaurants, seulement 8 sur 350 au total, qui pose problème. C’est encore et toujours l’islam. Aurait-on eu droit à toutes ces saillies médiatiques si au lieu du halal Quick avait choisi un autre positionnement, une autre niche, celle du bio? un Quick thématique avec exclusivement des menus mexicains ou chinois aurait-il eu une telle résonance médiatique. Non assurément, non."

"Et si vraiment c’est le communautarisme qui pose problème pourquoi tolère-t-on qu’en plein Paris, au 240 boulevard Voltaire, dans le 11e arrondissement, on puisse trouver un Franprix entièrement casher?" (Quelle)
Kimouche ist vielmehr der Meinung, dass das Problem die verkrampfte Haltung der franzoesischen Oeffentlichkeit gegenueber der Religion ist:
"Selon moi, ces réactions d'hostilité ont deux sources. La première, c'est le réflexe pavlovien d'affolement en France dès qu'il s'agit des religions. Et ce, pour toutes les religions. La seconde, c'est qu'il s'agit en plus de l'islam. Donc quand on ajoute le fait qu'il s'agisse des musulmans, ça explose." (Quelle)
Und das meint Lieselotte auch.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Fuer Aasiya

Das ist fuer Aasiya.

Es war an einem fruehen Abend vor ein paar Jahren, wir sassen in unserer Wohnung in Pakistan und hoerten ploetzlich aus der Wohnung unter uns ein Krachen und Poltern und Klirren und jemanden, der bruellt. Am Anfang haben wir noch gelacht darueber, aber als das kein Ende nahm, haben wir doch angefangen, uns Sorgen zu machen. Nach einer Weile des Hinundherdiskutierens haben wir schliesslich unsere Jungs "genoetigt" ("Ach, das wird schon nichts sein... Und wenn, was wollt ihr euch da einmischen? Da kann man doch eh nichts machen"), zumindest mal unten zu klingeln und zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Auf ihr Klingeln oeffnete der Herr des Hauses die Tuer und meinte, nein, alles sei in Ordnung, seine Tochter habe nur gerade ihre fuenf Minuten.

Es ist ein Jahr her, dass der Mord an Aasiya Zubair Schlagzeilen machte. Die 36-Jaehrige amerikanische Muslimin war von ihrem Mann, vom dem sie die Scheidung verlangt hatte, auf besonders grausame Art und Weise umgebracht worden. Aasiya war eine erfolgreiche Frau, Mutter von zwei Kindern, ein aktives Mitglied ihrer Gemeinde und hatte einige Jahre zuvor den ersten englischsprachigen und amerikaweit sendenden muslimischen TV-Sender gegruendet. Der Mord loeste unter amerikanischen Muslimen eine Diskussion ueber haeusliche Gewalt aus, unter der Aasiya - wie so viele Frauen weltweit - seit geraumer Zeit litt und die schliesslich in der barbarischen Tat gipfelte.

Ein Jahr nach dem Mord finden amerikaweit eine ganze Reihe von Veranstaltungen in Erinnerung an Aasiya Zubair und gegen Gewalt gegen Frauen (denn meistens sind es Frauen, die Opfer von haeuslicher Gewalt werden) statt. Auf der Seite Muslimah Media Watch ist eine Liste zu finden mit 9 Ideen, was man tun kann, wenn man selbst eine Frau kennt, von der man glaubt, dass sie haeuslicher Gewalt ausgesetzt ist und sich unsicher ist, wie man damit umgehen soll ("Ach, das wird schon nichts sein... Und wenn, was wollt ihr euch da einmischen? Da kann man doch eh nichts machen"...). Auch auf Soundvision ist eine Reihe von Handlungstipps gesammelt, die sich an direkt Betroffene, Imame und Freunde von Betroffenen wenden und ausserdem an den jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext angepasst sind. Auf der Seite von Muslim Men Against Domestic Abuse kann eine symbolische Erklaerung gegen Gewalt unterzeichnet werden.

Das ist fuer Aasiya; die Frau in Pakistan, falls sie unsere Hilfe gebraucht haette; das ist fuer alle Frauen, die der Gewalt von ihren Maennern, Vaetern, Soehnen, Bruedern ausgesetzt sind und es nicht schaffen, sich aus dieser Situation zu befreien - noch nicht?

Das ist fuer Aasiya.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Lieblingsblog (02)

Mein Lieblingsblog ist diesen Monat The Tales of a Modern Muslimah.

Die Autorin ist eine junge, schwarze Muslimin und lebt in den USA. Mir gefaellt besonders, dass der Schwerpunkt auf afroamerikanischen und genderbezogenen Themen liegt. Ueber die Frau im Islam wird in Deutschland ja seit einer Weile heftig debattiert, aber ueber die Situation der Muslime in den USA weiss hier kaum einer was. Bei Islam denkt man bei uns "Tuerke", vielleicht noch "Araber" und "Bosnier", aber dass viele Muslime so, so oder so aussehen, das ist selten im Fokus, wenn es in Deutschland um den Islam geht.

Ausserdem gefaellt mir an diesem Blog, dass die Autorin auch Tabuthemen anspricht und kritische Fragen in Bezug auf den Islam stellt, ohne gleich das Kind mit dem Bad auszuschuetten d.h. die Religion in ihrer Gesamtheit zu verwerfen. Hier koennten sich so genannte "Islamkritiker" ein Scheibchen - oder auch zwei - abschneiden.

Dienstag, 16. Februar 2010

DAM

DAM ist eine Gruppe von drei jungen israelischen Palaestinensern, die auf Hebraeisch, Arabisch und Englisch ueber die Situation im Nahen Osten rappen und dabei harte Kritik an der israelischen Besatzung aber zum Beispiel auch der Rolle der Frau in der palaestinensischen Gesellschaft ueben.

DAM: Born here

Samstag, 13. Februar 2010

Kreativ im Konflikt

"Theaterpädagogische Fortbildung in gewaltfreier Konflikt-
bearbeitung

...du willst Konflikte besser verstehen und einen kon-
struktiven und gewaltfreien Umgang mit ihnen kennen lernen?
...du kennst es, an deine und die Grenzen anderer zu stoßen,
wenn Konflikte eskalieren?
...du arbeitest mit oder in Gruppen?
...du hast Lust, dich dem Thema Konflikte mit spielerischen
und kreativen Mitteln zu nähern?

Konflikte sind ein normaler Bestandteil menschlicher Beziehungen
- ein konstruktiver und gewaltfreier Umgang mit ihnen hingegen
nicht unbedingt.

In der Verbindung von Theorien und Praxis werden Konflikttheorien
und Konfliktanalyseansätze vorgestellt, diskutiert sowie indivi-
duelle Stärken, Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit Konflik-
ten reflektiert. Mit theaterpädagogischen Methoden und vielen
praktischen Übungen werden wir dabei erproben, wie mit kreativen
Mitteln ein Prozess der Konflikttransformation angestoßen werden
kann.

FORTBILDUNGSEINHEITEN UND TERMINE
I. Warum ich? 27.-30. Mai 2010
Persönlicher Umgang und Erfahrungen mit Konflikten / Modelle
der Konfliktbearbeitung

II. Wie kommt's? 16.-19. Sept. 2010
Theoretische Grundlagen / Schlüsselbegriffe / Analysetechniken

III. Was tun? 31. Okt.- 5. Nov. 2010
Forumtheater: Handlungsoptionen entwickeln

IV. Was nun? 20.-23. Jan. 2011
Persönliche Strategien in Konflikten / Interventionsmöglich-
keiten

ZIELE
Ziele der Fortbildung sind ein kreativer Umgang mit Konflikten,
Bewusstsein für das eigene Konfliktverhalten und die Entwicklung
einer gewaltfreien Haltung. Grundlage hierfür ist das Kennenlernen
von Konfliktursachen, Wirkungsmechanismen und Analysetechniken,
auch in komplexen Konfliktsituationen. Über einen theaterpäda-
gogischen Zugang werden Prozesse des kognitiven, emotionalen und
sozialen Lernens angeregt.

ANERKENNUNG UND ZERTIFIZIERUNG
Die Fortbildung basiert auf den Qualitätsstandards der Arbeits-
gemeinschaft Dienste für den Frieden (AGDF) für Fortbildungen
in ziviler, gewaltfreier Konfliktbearbeitung und wird mit einem
entsprechenden Zertifikat abgeschlossen. Die Fortbildung Kreativ
im Konflikt bietet die Möglichkeit eines professionellen Einstiegs
in den Bereich der Konfliktbearbeitung.

KOSTEN UND ANMELDUNG
Die Kosten der Fortbildung werden zum größten Teil durch Dritt-
mittel gedeckt. Die Teilnehmenden leisten einen Eigenbeitrag in
Höhe von 750 €. Dieser umfasst Kursgebühr, Unterkunft und Ver-
pflegung. In Ausnahmefällen ist eine Ermäßigung möglich. Die
Fortbildung findet im Wendland (Niedersachsen) statt. Für
weitere Infos und zur Anmeldung erreichen Sie uns wie folgt:
Mail: info@friedenskreis-halle.de oder
Telefon: 0345 / 27 98 07 10 (Friedenskreis Halle e.V.)

ANMELDESCHLUSS: 15. März 2010"

Donnerstag, 11. Februar 2010

Much ado

Ilham Moussaid, Feministin, Laizistin und Kopftuchtraegerin, laesst sich in Frankreich zur Wahl aufstellen:



Das politische Establishment ist wie zu erwarten ausser sich:



Wie leicht sich manche Leute doch aus der Ruhe bringen lassen.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Vielleicht wird was geaendert, aber viel aendern wird sich nicht

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat entschieden: Die Festlegung der Leistungen-nach-dem-Zweiten-Sozialgesetzbuch-auch-Hartz-IV-genannt ist verfassungswidrig weil willkuerig. Die Debatte ueber das Urteil ist angestossen, es muss neu gerechnet werden.

Ob man mit den derzeit ueblichen Saetzen gut auskommen kann ("menschenwuerdig leben" heisst das zurzeit) oder nicht, laesst sich sicher diskutieren. Als Studentin stand mir nur unwesentlich mehr Geld zur Verfuegung - und ich habe nicht schlecht gelebt. Die Frage, die sich mir stellt, ist deshalb, ob es wirklich vor allem die Hoehe des monatlichen Einkommens ist, die hier ausschlaggebend ist - oder ob es nicht etwas ganz anderes ist, das eigentlich im Mittelpunkt der Diskussion stehen sollte.

Als Studentin ging es mir trotz geringem Einkommen sehr gut. Woran lag das? Erstens: Ich war in ein soziales Netz eingebunden; hatte etwas zu tun, dem ich einen Sinn abgewinnen konnte und hatte dementsprechend einen sozialen Status, mit dem man gut leben kann. Zweitens: Ich hatte eine Perspektive auf Besserung und wusste, dass ich nicht mein Leben lang auf jeden Cent gucken muessen wuerde. Und genau das ist es doch, was vielen Hartz VI-Empfaengern fehlt: Anerkennung und eine Perspektive.

Und eines der Dinge, die ich als erstes tun wuerde, wenn ich in der Hinsicht was zu sagen haette, waere, in den Jobcentern aufzuraeumen. Wie dort teilweise mit den Leuten umgegangen wird, die dort schliesslich nicht zum Spass vorbeischauen, ist naemlich der wahre Skandal.

Der Tag wird kommen

Der Tag wird kommen, wo die Berge sich bewegen,
Sie schlafen nur fuer eine kurze Zeit.
In der Vergangenheit haben sie sich erhoben,
Und man sah sie brennen viele Meilen weit.

Doch vielleicht wird daran noch niemand glauben,
Doch es gibt eins, woran sie glauben sollten:
Die Frauen, die jetzt schlafen, werden bald erwachen
Und dahin gehen, wohin sie immer wollten.

Kannst du den Fluss unter dir hoeren,
Wie sich sein Wasser durch die Schluchten graebt.
Hoerst du, wie langsam die Steine zerbrechen
Und der Fluss den Sand aus den Taelern traegt.

Doch vielleicht wird das noch niemand hoeren,
Doch es gibt eins, was sie hoeren werden,
Wenn die Wasser die Felsen niederreissen
Und die Schluchten weichen vor den neuen Gaerten.

Der Tag wird kommen, wo die Berge sich bewegen,
Sie schlafen nur fuer eine kurze Zeit.
In der Vergangenheit haben sie sich erhoben,
Und man sah sie brennen viele Meilen weit.

- Nein, das ist kein Text irgend eines Verfassers von religioeser Erbauungsliteratur ("die Apokalypse naht!") ... sondern ein Lied aus der Frauenbewegung, das ab 1973 ueber die "Erste feministische Platte" der "Frauenoffensive Muenchen" in - na ja - bestimmten Kreisen populaer wurde. (Ich bin darauf in einem Liederbuch meiner Mutter gestossen.) Leider habe ich im Internet kein Video dazu gefunden, die Melodie ist naemlich fast noch schoener als der Text. Ich bin nur fuer eine Aenderung: In der zweiten Strophe wuerde ich in der dritten Zeile aus dem "Frauen" ein "Menschen" machen...

"Aufklaerung taugt nicht als Kampfbegriff"

Erwaehnte ich, dass ich ein grosser "Fan" von Werner Schiffauer bin? Ich glaube, hier noch nicht... Ein Interview mit ihm ueber Deutschlands Muslime, die derzeitige Islamdebatte und was tatsaechlich zu tun waere erschien gestern in der Stuttgarter Zeitung:

"Herr Schiffauer, warum fühlen sich in Berlin nur elf Prozent der befragten Muslime als Deutsche, in London aber vierzig Prozent als Briten?

Nirgendwo in der EU haben so wenige Muslime die Staatsbürgerschaft angenommen wie in Deutschland. Hinzu kommt noch eine Besonderheit: junge Muslime mit deutschem Pass begreifen sich nicht als Deutsche, denn sie erleben im Alltag, dass sie weiterhin als Ausländer betrachtet werden. Die Gesellschaft hält ihr Versprechen der Inklusion, das sie mit der Staatsbürgerschaft gegeben hat, nicht ein."

Hier geht's zum gesamten Interview.

Dienstag, 9. Februar 2010

(Positive?) Diskriminierung

Aus einer Stellenausschreibung:

"Wir freuen uns besonders ueber Bewerbungen von Migrantinnen und Migranten und von Menschen mit Behinderung."

Nee, das ist es dann aber auch nicht wirklich.

Janis Joplin

Janis Joplin: Me and Bobby McGee

Sonntag, 7. Februar 2010

Schall und Rauch?

Cihad, so lasen wir vorgestern in der Zeitung, bekommt aufgrund seines Vornamens die Arztbehandlung verweigert. Ousama zu heißen macht - zumindest im Westen - seit einem gewissen Tag im September und der darauffolgenden Medienberichterstattung auch nicht mehr so wirklich Spaß. Kein Wunder, dass zumindest in Frankreich viele aus dem Maghreb stammenden Eltern ihre Kinder schon seit Jahren Sara, Linda, Miriam, Nora, Rita, Sophia nennen - Namen, die alle "westlich" sind, aber auch auf Arabisch mehr oder weniger Sinn machen.

Samstag, 6. Februar 2010

Khaled & Santana

Khaled feat. Carlos Santana: Love to the People

Freitag, 5. Februar 2010

Alptraum

Das Lieschen, Alimustafa (was der Vater vom Lieschen ist) und Lieschens Mama (ich) sind in der Straßenbahn unterwegs. Wir sind in Frankreich, in der Stadtmitte irgend einer größeren französischen Stadt.

Ich schiebe Lieschens Buggy und wir versuchen uns einen Weg durch die Menge zu bahnen. Für einen Moment sind Alimustafa und ich mit etwas anderem beschäftigt. Als ich wieder hochschaue, sehe ich, wie eine Frau gerade dabei ist, an Lieschens Buggy die Bremse zu lösen und mit ihr wegzufahren. Es ist Gott sei Dank aber noch nicht zu spät, wir sind sofort da, Alimustafa schnappt sich den Buggy und wir laufen mit dem Lieschen weg. Kurzer Gedanke: "Wenn das jetzt jemand gesehen hat, könnte er ja genauso denken, dass wir gerade das Lieschen klauen wollen"... Es hat aber keiner gesehen, es ist niemandem aufgefallen, keiner hat etwas gesagt. Wir gehen schnell weiter.

In einem Geschäft, in dem wir drei etwas später sind, taucht die Frau plötzlich wieder auf. Jetzt wird mir klar, dass die Frau nicht ganz richtig im Kopf ist, ich kriege Angst und sage Alimustafa, dass wir vielleicht doch die Polizei rufen sollen. Als die Frau sieht, dass wir sie entdeckt haben, dreht sie sich um und will in der Menge verschwinden. Ich sage ihm, dass er beim Lieschen bleiben soll und laufe der Frau hinterher. Ich halte sie fest und rufe einem Mann, der die Szene beobachtet hat, zu, er soll die Polizei rufen. Er reagiert nicht sofort, deshalb bitte ich eine der Kassiererinnen, die mitbekommen hat, dass hier etwas nicht stimmt, sie solle doch die Polizei rufen (und das alles auf Französisch...). Sie schaut mich an und sagt nein: "Nein". - Nein?! Ich kann es nicht glauben. Das kann doch nicht sein! Ich wiederhole meine Bitte und setze an mit "Diese Frau -", aber sie unterbricht mich und sagt: "Nein! Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass man von dieser Burka, die sie tragen, nichts hält - Deshalb rufe ich doch nicht die Polizei". Mir dreht sich der Kopf. Ich verstehe, dass sie die Szene missgedeutet hat und denkt, dass es nur um eine bloße Meinungsverschiedenheit geht. Völlig perplex beginne ich mit: "Aber das ist doch gar keine -", breche dann aber ab, weil ich realisiere, dass es uns jetzt nicht wirklich weiterbringen wird, mit dieser Frau die unterschiedlichen muslimischen Bekleidungsarten durchzudeklinieren. "Sie wollte uns das Kind wegnehmen!" - Die Kassiererin wirft mir einen bösen Blick zu und schüttelt den Kopf. Und dann ...

... bin ich aufgewacht. Das Lieschen liegt neben mir und schnarcht. Ich stehe auf und mache erst einmal das Licht an.

In Frankreich waren wir noch gar nicht zu dritt.

Definitions of Terms Commonly Used in Academia

"In my experience = One.
In case after cases = Two.
In a series of cases = Three.
It is believed that = I think.
It is generally believed that = A couple of others think so, too.
Correct within an order of magnitude = Wrong.
According to statistical analysis = Rumor has it.
It has been long known = I didn't look up the original reference.
A trend is evident = These data are practically meaningless.
Three of the samples were chosen for study = The other results didn't make any sense.
Typical results are shown = This is the prettiest graph."

Irgendwo im Internet gefunden und für witzig befunden (Autor unbekannt). Ist natürlich Quatsch, auch wenn ein Funke Wahrheit drinsteckt. Meint Lieselotte, die jetzt schon seit einem Weilchen aus dem Unidschungel raus ist - und sich ab Herbst i. wieder ins Getümmel werfen möchte.

Mittwoch, 3. Februar 2010

Moerder oder Mensch

Ein Jahr und zwei Wochen ist es her, dass die Offensive "Gegossenes Blei" im Gazastreifen ein Ende nahm. Um den Jahrestag des Kriegsbeginns waren in der Presse wieder vermehrt Artikel ueber die Situation in Gaza und Israel zu lesen. In der Zwischenzeit ist die Welle an Berichterstattung abgeflacht, Nahost ist wieder mal aus dem Fokus gerueckt. Fuer uns jedenfalls, die das Privileg der Aussenstehenden, der nicht direkt Betroffenen teilen, die weiter machen koennen, als sei nichts geschehen. Die weiter machen muessen, als sei nichts geschehen: Fuehrte ich mir jeden Tag vor Augen, was - nicht nur - im Nahen Osten jeden Tag passiert, wuerde der Schrecken ueber das, was Menschen dort einander antun, zweifellos alles andere erdruecken.

Dass es Menschen sind, um die es geht, muss dabei im Mittelpunkt jeder Beschäftigung mit diesem Konflikt stehen. Zu oft wird das in hitzigen Diskussionen vergessen, in denen die eine Partei ploetzlich menschlicher gezeichnet wird als die andere. Sicherlich gibt es im Nahen Osten einen Besatzer und die unter Besatzung Lebenden. Das Ungleichgewicht der Kraefte ist offensichtlich: Ramallah ist nicht gleich Tel Aviv, und Gaza ist nicht gleich Sderot. Dennoch: Mensch sind beide, und der Schmerz, die Angst und die Verzweiflung sind im Einzelfall die selbe. Das kann, das darf nicht in Frage gestellt werden. Sicherlich ist das leichter gesagt als getan; vor allem als Aussenstehender, der es hier in Europa ziemlich warm und kuschelig hat. Dennoch muss die Maxime allen Handelns sein: Mensch ist auch der andere. Manchmal hilft die Aussensicht, die Perspektive wieder auf diesen Grundsatz zu lenken, diesen Grundsatz ohne den nichts geht, jedenfalls nichts Sinnvolles. Manchmal hilft der Blick von draußen, nicht immer.

Wirklich verstanden habe ich das waehrend meines Aufenthalts in Israel-Palaestina vor ein paar Jahren. Es kam wieder hoch, als ich das folgende Video eines jungen israelischen Soldats sah. Wer das Video sieht und denkt "Moerder", hat etwas noch nicht verstanden. Wer es sieht und vielleicht denkt, "So viel anders als ich sieht er gar nicht aus" oder "Das koennte mein Bruder sein" oder auch "Mein Gott, ich moechte nicht in seiner Haut stecken", "Haette ich den Mut, mich zu verweigern?" ist moeglicherweise schon einen Schritt weiter.

Dienstag, 2. Februar 2010

Global Hijab Style

Die modebewusste Muslima von heute ... muss nicht in Sack und Asche laufen, auch als Kopftuchtraegerin nicht. Tipps wie man zum stylischen yet islamkonformen Outfit kommt, findet sie online zum Beispiel auf der Seite Hijab Style, nach eigenen Angaben dem ersten britischen Style Guide fuer Musliminnen. In Deutschland gibt es eine vergleichbare Seite nicht, dafuer aber viele in verschiedenen muslimischen Laendern - wobei die Qualitaet der Seiten stark variiert. Eine Hijab Style vergleichbare Seite ist mir noch nicht unterlaufen (ich bin aber auch weit davon entfernt, eine Spezialistin auf dem Gebiet zu sein). Hijab Style ist uebrigens die Seite einer libanesisch-britischen Medizinstudentin - einer jungen Frau also, die bestimmt noch mehr im Kopf hat als nur die Frage, ob das rosagebluemte Seidenkopftuch denn nun zu der weissen Baumwollbluse passt oder nicht.

Die neusten Tipps und Kniffe zum Schlingen des Kopftuches holt sich unsere modeinteressierte junge Muslima dann vielleicht aus einem der vielen Video-Tutorials, die etwa auf Youtube eingestellt sind, zum Beispiel von der Userin Amenakin. Wenn sie dann ich-weiss-nicht-wieviel-Zeit damit verbracht hat, ihr Kopftuch so zu binden, dass es zwar alles verdeckt, was es zu verdecken gaebe, aber trotzdem noch etwas hermacht ... sieht sie dann vielleicht aus wie eine der Frauen auf der Seite Hijabs High: So gesehen in Washington, Cambridge, Lyon, Cesme, London, Bristol, San Francisco, Istanbul...

Jedes Mal ein Wunder

"Die Hebamme Luise Kaller hat 10.000 Kindern auf die Welt geholfen - ein Gespraech mit ihr ueber Geburten als Event, hilflose Vaeter im Kreisssaal und Mutterkuchen als Gesichtscreme."

Montag, 1. Februar 2010

Provinz

Provinz ist ...

... wenn es nur eine Autobahnabfahrt (wenn überhaupt) gibt, die zu deinem Ort führt (nix da mit Frankfurt-Nord, -Süd, -Ost, -West).
... wenn die Jugendlichen aus dem Ort sich an einem Samstagabend um halb zehn am Bahnhof die Zeit vertreiben.
... wenn die Hälfte der lokalen Bevölkerung den gleichen Nachnamen trägt.
... wenn alle, die seit weniger als 50 Jahren im Ort leben, "Zugezogene" heißen.
... wenn Samstagmittag ab zwölf kein öffentlicher Bus mehr fährt.
... wenn es bei euch im Ort grundsätzlich 5 Grad kälter ist als in der nächsten Großstadt.
... wenn du im Rathaus, wo du zum letzten Mal vor 4 Monaten etwas zu erledigen hattest, mit Namen begrüsst wirst - und das als Zugezogene!
... wenn die exotischsten Namen auf der Klassenliste deines Sohnes "Antonia" und "Mario" lauten.
... wenn du deine Kinder auf der Straße spielen lassen kannst.
... wenn vor den Garagen- und Kellerfenstern deiner Nachbarn frisch gewaschene Gardinen hängen.
... wenn du nach 15 Minuten Fußweg im Wald stehst (Wald! Park zählt nicht!!).
... wenn bei euch samstags von den Anwohnern die Straße gekehrt wird.
... wenn sich im Winter alle paar Meter freundliche Omis über deinen Kinderwagen hängen und sich insistierend vergewissern, ob dein Kind (Schneeanzug, Mütze, Schal, Handschuhe, Lammfellfußsack, Decke) "denn auch wirklich nicht friert".
... wenn es Kinderbetreuung nicht unter 3 Jahren und auch dann nur von neun bis zwölf gibt.
... wenn du als Kopftuchträgerin zum Stadtgespräch wirst.