Sonntag, 26. Dezember 2010

Perspektive

When you change the way you look at things, the things you look at change.

(Hört sich zwar bös nach Kalenderspruchweisheit an, und - ja! - stammt auch von einem dieser Jeder-kann-glücklich-sein-Autoren namens Dr. Wayne Dyer, ist aber trotzdem gut.)

Samstag, 25. Dezember 2010

Nie genug

"Studien belegen: Noch nie haben Eltern so viel Zeit mit ihren Kindern verbracht wie heute. Und trotzdem haben 85 Prozent der Eltern ein schlechtes Gewissen, weil sie glauben, sie müssten noch mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs teilen, als sie es ohnehin schon tun."

(Grade [mal wieder] in der ZEIT gelesen.)

Freitag, 24. Dezember 2010

Luxusproblemchen

- Nachteile eines Studiums im Ausland, Teil Eins -

Doof ist schon, dass man nach einem Studium im (fremdsprachigen) Ausland die ganzen Fachwörter nur auf der Fremdsprache kennt: Wer im Himmel wäre darauf gekommen, dass consociationalism Konkordanzdemokratie heißt?

Nach zwei Stunden mit Computer, Notizen und Wörterbuch ausgestattet wird mir erst klar, was für freakige Themen ich da eigentlich studiere. (Fragt mich jetzt nur nicht, was consociationalism / Konkordanzdemokratie eigentlich heißt - da brauch ich, glaube ich, noch mal zwei Stunden für ... mindestens!).

Zack, und wieder zurück zu meinen Vorlesungsnotizen.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

WG-Probleme

Liebe Madeeha,

vielen Dank für das leckere [südasiatische] Essen! Jetzt müsstest du nur noch aufhören, dich über jeden Scheiß zu beschweren ("Sorry, Lieselotte, aber als ich heute Morgen ins Bad gegangen bin, da hatte jemand vergessen, ab zu spülen - I hope you don't mind -, wenn du's nicht warst, dann sag bitte deinem Mann Bescheid, sorry" - aaaargh!!), dann wärst du eine tolle Mitbewohnerin...

Gruß
von der Lieselotte

Dienstag, 21. Dezember 2010

Frohe Weihnachten

Und dann war da noch die Weihnachtsfeier im Kindergarten. Der ist naemlich doch nicht so richtig Multikulti (keine Sorge also, selbst in England hat das Abendland noch nicht seinen letzten Hauch getan): ab irgendwann im November war ploetzlich alles voll mit Spruehschnee, Lametta, bunten Glitzersternen und einem riesen Weihnachtsbaum aus Plastik.

Zur Weihnachtsfeier sprangen dann da ueber 50 Kinder zwischen ganz klein und 5 Jahren rum; pro Kind mindestens ein, meistens 2 Elternteile, und irgendwo dazwischen noch die Betreuer(innen, sind fast nur Frauen). Pre-school hat vorgesungen, toddler nicht richtig (die sind einfach noch zu klein), die beiden Baby-Gruppen sowieso nicht, was aber die Eltern nicht davon abgehalten hat, wie wild zu knipsen, filmen und dabei aufgeregt zu gigglen, winken und glucksen. Dann gab es genug Essen fuer zweimal soviel Leute wie wir es waren.

Kaum hatte man ein paar staerkende Snacks eingenommen, hiess es schon: "Santa Claus" ist da und wir mussten uns in eine ewig lange Schlange einreihen. "Santa Claus" sass in einer dunklen Ecke, standesgemaess in rotem Mantel mit Muetze und wallendem Bart - kein Wunder, dass das Lieschen Panik geschoben hat. Ich konnte sie dennoch ueberzeugen, wenigstens die Geschenke entgegen zu nehmen (ein Puzzle und ein Bilderbuch, der Kindergarten liess sich nicht lumpen), bevor wir wieder in den Festraum fluechteten.

Ein kurzer Chat mit Sara, die stundenweise im Kindergarten aushilft und deren Eltern einst aus Pakistan kamen. Dass sie ein langes, wallendes, schwarzes Gewand traegt, das aus einem Stueck Stoff genaeht zu sein scheint und bis auf Haende und Gesicht nichts blicken laesst, sei nur am Rande erwaehnt. Als zwei der juengeren Betreuerinnen dann eine Weihnachts-CD mit Beyonce und Mariah Carey auflegten (stellt euch "Jingle Bells" mit nem fetten Beat drauf vor) und anfinge, dazu abzurocken und ich gleichzeitig aus dem Augenwinkel noch mitbekam, dass das Essen unweigerlich wieder Richtung Kueche verschwunden war, beschloss ich, dass es fuer heute erst mal wieder reichte. Packte mir das Lieschen und machte mich durch die Kaelte auf nach Hause.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Am Samstag

Am Samstag war ich mal Studentin. Hab ausgeschlafen. Nichts fuer die Uni gemacht, keine Texte gelesen, nicht aufgeraeumt, nicht gekocht, geputzt oder aufgeraeumt. Sondern mir das Lieschen geschnappt, um halb drei Federico angerufen, ob er sich um vier mit mir treffen wollte, er wollte, und hab mich dann mit dem Lieschen im Buggy auf den Weg in Richtung Innenstadt gemacht. Federico, der aus Italien kommt, hat Maria aus Mexiko mitgebracht und zu dreieinhalbst sind wir ins Tate. Eine gute Stunde moderne Kunst - mehr vertraegt kein Mensch. Um sechs wollten wir bei Federico im Studentenwohnheim sein, zum Kochen, es war sieben oder halb acht, bis wir da waren, da hat Eleftherios aus Griechenland schon den Salat geschnipselt, Federico hat das Nudelwasser aufgesetzt und nach und nach kamen die anderen dazu: Italien - Italien - Mexiko - Portugal - Griechenland - Japan - Deutschland. Dass das Lieschen dabei war, ist nicht weiter aufgefallen, und zum Nachtisch gab es Schokoladenkuchen mit Himbeeren und japanische Suessigkeiten. Bis wir zu Hause waren, war es nach Mitternacht. Am Samstag war ich mal Studentin.

Montag, 13. Dezember 2010

Hintergruendlich

"Sag mal, Lieselotte", hat mich letztens jemand gefragt, "bist du eigentlich Deutsche oder hast du einen Migrationshintergrund?".

Meine erster Gedanke war "Deutsche - ha ha ha, auch wenn's nicht danach aussieht", aber dann fiel mir ein, dass ich ja doch einen Migrationshintergrund habe. Auch wenn es nicht die Art Migrationshintergrund war, an die der, von dem die Frage kam, gedacht hatte, auch wenn ich nicht mit tuerkischen Vaetern, arabischen Onkeln oder afrikanischen Grossvaetern dienen konnte: Ich habe einen Migrationshintergrund.

Meine Grossmutter war laengst noch keine zwanzig, als sie damals aus Mitteleuropa nach Westdeutschland vertrieben wurde. Sie sprach die gleiche Sprache wie die Menschen in ihrer neuen Heimat (wenn auch einen anderen Dialekt), hatte die gleiche Religion und sah nicht viel anders aus, aber die Integration war nicht leicht. Ich kenne Heimatvertriebene, die bis heute den gar nicht so freundlichen Empfang durch ihre Landsmaenner nicht vergessen haben.

Das ist einer der Gruende, weshalb ich allergischen Ausschlag bekomme, wenn ich hoere, wie das Wort Migrationshintergrund in Deutschland benutzt wird. Da wird in den seltensten Faellen einfach nur nach Migration gefragt. Migranten, das sind bei uns die Tuerken, Araber, Griechen, Italiener, Afrikaner, Russen. Alles, was da halt so aus dem Sueden oder Osten kam. Der Freund meiner Schwester, der vor ein paar Jahren aus den USA nach Deutschland kam und soweit ich das einschaetzen kann, in der naechsten Zeit nicht vorhat, wieder zu verschwinden, ist kein Migrant; den wuerde keiner so nennen. Emmanuel, der an meiner Uni in Deutschland studiert hat und sich dann entschieden hat, nicht nach Frankreich zurueckzugehen, sondern in Deutschland zu arbeiten - wer wuerde den einen Migranten nennen?

Nein, Migranten, das sind die Schwarzkoepfe. Die Orientalen, die Ost- und Suedeuropaer, die Afrikaner und Asiaten, die, die man eigentlich nicht haben will, die, die ein Problem sind. Das Wort mag freundlicher sein als der Begriff Auslaender, das fuer die gleiche Gruppe benutzt wird, aber oft einfach falsch ist, weil viele der "Auslaender" in Deutschland schon lange einen Pass haben, aber solange der Migrationshintergrund von Zainab, Onur und Mischa mehr Migrationshintergrund ist als meiner, stimmt da was nicht.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Dreimal Islam an der Uni

Der erste term meines Studienjahres in London ist vorbei und weil ich hier in London bin, kam ich zum ersten Mal in meiner Uni-Laufbahn in den Genuss, das term-Ende mit einem von der Islamischen Hochschulgruppe organisierten Gemeinschaftsgebet zu feiern. Ich war baff. Da, wo ich bisher studiert habe, gab's so was nicht.

An meiner Uni irgendwo in einer nicht extrem großen Stadt in Ostdeutschland gab es so gut wie keine Muslime. Ich kannte ganz lange nur zwei, Louis aus dem Senegal und Abduh aus Ghana, die aber beide schon viel älter als ich und nicht mehr an der Uni waren. Dafür kannte mich an der Uni jeder, weil es nur ein Kopftuch gab, meins. Irgendwann hat mich dann Anna auf der Straße angesprochen. Sie war Russin, zum Islam übergetreten, studierte auch an meiner Uni und über sie lernte ich die anderen kennen: ein Mädchen aus Polen, die auch Muslimin geworden war, zwei Usbeken, für eine Weile waren auch zwei deutsche Türken mit dabei. In unserer Stadt gab es islammäßig nichts, keine Moschee, keine Vereine, kein halal Fleisch zu kaufen, ich kannte nicht mehr als zwei muslimische Familien. Unsere Islamische Hochschulgruppe haben wir uns selbst gegründet, und als wir dann einer nach dem anderen die Uni verlassen haben, war das das Ende unserer Gruppe.

Dann bin ich zum Studium nach Frankreich. Dort gab es plötzlich massenweise Muslime in meiner Stadt, halal Fleisch an jeder Ecke und auch genug Moscheen, aber an meiner Uni (einer sogenannten Elite-Uni) gab es nur wenige Kulturmuslime und noch weniger, die sich über das Minimum hinaus für ihre Religion interessierten. Ich kannte nur zwei, Dina aus Ägypten (das war Kopftuch Nummer zwei, es gab noch ein drittes) und Imran, einen syrischen Franzosen, mit dem ich zwischen den Vorlesungen durch das Unigebäude geschlichen bin, auf der Suche nach einer Ecke zum Beten. Auch dort: keine Islamische Hochschulgruppe (wir haben eine gegründet, aber als wir nach einem Jahr weg waren, gab es auch diese Gruppe nicht mehr).

Hier in London ist alles anders. Zwar bin ich auch die einzige Schleiereule an meiner Fakultät, an der Hunderte studieren, aber sonst an der Uni kommt einem immer mal wieder ein Kopftuch entgegen geweht. Es gibt einen schönen, geräumigen Gebetssaal mit kleiner Bibliothek, einer Sitzecke, sogar eine Mikrowelle steht da in der Ecke. Viele kommen nicht nur zum Beten, sondern auch zum Essen, Lernen, Quatschen und zu Hochzeiten (Hooooochzeiten, nicht Hochzeiten mit kurzem o) ist der Raum mit fünfzehn, zwanzig Mädels voll. Es gibt regelmäßige Veranstaltungen, die sich an Muslime und Nicht-Muslime wenden und auch die Internationalität ist beeindruckend: Großbritannien, Irland, Bangladesh, Pakistan, Indien, Sri Lanka, Palästina, Syrien, Jordanien, Ägypten, USA, Mauritius, Ghana, Sudan, Somalia - sind alle vertreten, seit Neustem auch Deutschland.

Samstag, 4. Dezember 2010

Vom Wilden Westen in den Nahen Osten

Ueberschaubare Uni (oder zumindest Institute) mit ansehbarer Ausstattung; Unterrichtsraeume, die nicht so aussehen, als waeren sie in den Siebziger oder Achtziger Jahren zum letzten Mal renoviert worden; kleine Lerngruppen; ein Gemeinschaftsgefuehl unter Studierenden, Lehrenden und Mitarbeitern der Verwaltung wie man sie sonst nur von obskuren Bruderschaften oder den Pfadfindern erwarten wuerde (oder so); innovative Lehre; geringere Lebenshaltungskosten, keine Studiengebuehren und - ganz bestimmt nicht zuletzt - die Moeglichkeit einen ganz anderen Teil Deutschlands kennen zu lernen: ich wuerde jederzeit wieder an meiner Uni im Osten studieren.

In meinem Abijahrgang sind die meisten zum Studieren in [der Stadt, in der die Lieselotte Abi gemacht hat] geblieben. Eine kleine Gruppe (fuenf vielleicht?; wir waren achtzig, neunzig oder hundert) ist nach Berlin gegangen, der Rest in Staedte im Umkreis von ein bis anderthalb Stunden von [der Stadt, in der wir Abi gemacht haben]. Die Lieselotte war die einzige, die in den Osten gegangen ist (und, das nur nebenbei, aus eigenem Wunsch und nicht NVS-zwangsverschickt), da war die Gruppe derer, die gleich zum Studium ins Ausland sind, groesser (zwei oder drei von uns). Dabei gelten die Unis im Nahen Osten schon laenger als Geheimtipp - meint der SPIEGEL.

Freitag, 3. Dezember 2010

Mal auf Niveau diskutieren

Waere ich in Berlin, wuerde ich mich von der Konrad-Adenauer-Stiftung fuer die Veranstaltung am 15. Dezember einladen lassen:

Jugendszenen in Deutschland.
Zwischen Islam und Islamismus.

Neben einem allgemeinen Ueberblick ueber muslimische Jugendszenen in Deutschland soll auch ueber MMPJs (maennliche muslimische Problemjugendliche, Anmerkung der Lieselotte) diskutiert werden. Es soll um Ursachen der Radikalisierung junger Muslime in Deutschland gehen und was man dagegen tun kann. Als Referenten sind Werner Schiffauer, Sonja Hegasy, Christian Pfeiffer und Lamya Kaddor eingeladen - eine bunte, vielversprechende Mischung also!

Wie gerne waere ich am 15. Dezember in Berlin...!

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Winter in London

Seit gestern schneit es in London. Die ersten Flocken waren schon seit Mitte letzter Woche angekuendigt, aber es liess und liess sich nichts blicken. Im Stadtzentrum liegt auch jetzt kein Schnee, heute waren noch nicht einmal die Strassen nass. Aber draussen, in den Vororten, Richtung Stratford, Ilford, Greenwich und Canning Town, da ist alles weiss. Und so stiefel ich jeden Morgen durch Schnee und Eis, um dann an der Uni in hier vollkommen unnoetiger Wintermontur (schneetaugliche Stiefel und so weiter) zu sitzen. Sibirisch kalt ist es hier wie dort.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Grossstadtsymptome

War hier mal vom lausigen Londoner Nahverkehrssystem die Rede? Ich ziehe alles zurueck. Richtig schlimm scheint es in Tokio zu sein. (Und da sieht man mal wieder: (fast) alles ist relativ. Jetzt freu ich mich fast auf die U-Bahn-Fahrt nach Hause!)

Dienstag, 30. November 2010

Aus Sicherheitsgruenden

Es war ja ganz nett verlaufen, mein Gespraech mit Noel, der aus Frankreich kam (wo es hier so wenige franzoesische Studenten gibt) und auch an meiner Uni studierte. Er war, als er mitbekommen hatte, dass ich auch fuer eine Weile in Frankreich studiert habe, ins Franzoesische gewechselt, wir hatten uns ueber London und Paris, die horrenden Studiengebuehren hier, und was wir nach dem Jahr an dieser Uni machen wollten, unterhalten. Alles ganz nett.

Bis die Lieselotte es mal wieder nicht lassen konnte und einen doofen Scherz ueber das Foto in ihrem Pass, den sie gerade scannte, machen musste: "Schau mal, wie laissez-faire die Deutschen drauf sind... In Frankreich waere das undenkbar, hm?".

Ja, das fand Noel auch. Allerdings tatsaechlich und nicht nur als Scherz. Im Pass sollte man keine Kopfbedeckung tragen duerfen. Auch nicht aus religioesen Gruenden. Nein. - Warum? - Aus Sicherheitsgruenden. - Aha? - Ja. Wenn die Haare bedeckt sind, sieht man naemlich anders aus als wenn man sie offen traegt.

An seiner Meinung aenderte auch Hinweis darauf, dass genau das der Punkt sei und die Schilderung (nicht nur) einer Begegnung mit einem Grenzbeamten, der das Foto von der jungen Frau ohne Kopftuch in meinem alten Pass mit der jungen Frau mit Kopftuch, die da vor ihm stand, nicht zusammen bringen konnte, nichts.

Da macht es doch mehr Sinn, wenn man in seinem Pass so aussieht wie man auch tatsaechlich auf der Strasse rumlaeuft. Aus Sicherheitsgruenden... - Nein. Er sieht das anders. - Aber in Grossbritannien und in Deutschland ist es doch auch moeglich, ein Foto mit Kopftuch im Pass zu haben, und keines der beiden Laender ist bis jetzt schlimmer dran als Frankreich, oder? In Deutschland gab es ("aus Sicherheitsgruenden") weniger Anschlaege von mehr oder weniger religioesen Spinnern als in Frankreich. - Nein. Die Situation in Frankreich ist eine andere, da muss das so sein. Aus Sicherheitsgruenden.

Montag, 29. November 2010

Genug

Nach einer halben Stunde auf dem Spielplatz war mir klar, dass es ein historischer Fehler der Menschheit war, nördlich der Alpen zu siedeln. Auf die halbe Stunde Frischluft folgte eine Dreiviertelstunde, die ich im Spuermarkt zwischen den Regalen auf und ab wandelnd verbrachte - um wieder aufzutauen. Den miesen Sommer hier habe ich mit der Aussicht auf einen milden Winter ueberstanden ... was also ist das jetzt? Das es um vier Uhr dunkel wird, ist auch nur peripher erheiternd. Also: Es reicht jetzt mit dem Winter!

Bild: LivingShadow

Sonntag, 28. November 2010

An den Busfahrer

... der mich heute Abend gezwungen hat, das Lieschen und meine kiloschweren Einkaufstaschen vom Buggy zu hieven, eine der Mitfahrerinnen zu bitten, einen Platz für uns frei zu machen (steht ja keiner von selber auf), das Lieschen da abzuladen, dann die Tüten irgendwo zwischen den Knien der Mitfahrenden zu verstauen und den Buggy zusammen zu klappen - all das, während Monsieur es nicht nötig gehalten hätte, auch nur mal kurz stehen zu bleiben, sondern weiter wie ein Irrer durch die dunklen Straßen sengte:

Lieber Herr Vollpfosten,

warum musste das sein? Hätte ich meinen Buggy nicht einfach neben die beiden anderen Buggys, die da schon standen, stellen können - so wie ich es ungefähr dreimal pro Woche ohne jegliche Probleme mache? Falls Sie denken, es wäre sicherer, so zu fahren, kann ich Ihnen nur sagen, dass das Schmarrn ist. Eine Menge durch den Bus kugelnder Einkaufstüten, ein auf dem Boden liegender zusammengeklappter Buggy, ein alleine auf dem Sitz abgestelltes Kleinkind - das ist unsicher! Und, warum durfte die Omi mit der riesen Einkaufstasche, die mindestens so viel Platz eingenommen hat wie unser Buggy, dann anstandlos mitfahren? Wenn Sie wissen, dass das nichts mit Sicherheit zu tun hatte und sie einfach nur eine doofe Vorschrift einhalten wollten, sind Sie genauso doof und verdienen das miese Gehalt, das Sie verdienen.

Freundlich,
Die Lieselotte

Samstag, 27. November 2010

Udo Lindenberg

Udo Lindenberg: Alles klar auf der Andrea Doria

Ich hatte nie wirklich was von Udo Lindenberg gehoert, war aber dennoch der festen Ueberzeugung, dass ich mit seiner Musik nichts anfangen kann. Jetzt habe ich mir eine seiner CDs fuer meine Deutschschueler, die von mir jede Woche mit ein bisschen Musik aus Deutschland traktiert werden, ausgeliehen und ich muss sagen: Ich kann mit seiner Musik nichts anfangen. Nur ein Lied, das hat mir richtig gut gefallen:



Freitag, 26. November 2010

Kristina und die Machos

Morgens war es laut Kristina Schroeder noch die Religion, die deutschtuerkische Jugendliche zum Machogehabe und Gewaltausbruechen anleitet (klar, im Koran steht ja auch: "Verweigere Integration, sei so richtig Macho und, ach ja, schlage deine deutschen Mitschueler windelweich"), abends dann ploetzlich nicht mehr. Was war da los, Frau Schroeder? Keine Zeit, die Studien, die sie zitieren, auch tatsaechlich zu lesen?

Wie waere es, anstatt jetzt wieder eine ewig lange und zu wenig bringende Diskussion a la Sarrazin-hat-Recht-ja-nein-ein-bisschen zu beginnen, sich endlich mal den tatsaechlichen Problemen zuzuwenden. Falls es da draussen Jugendliche gibt, die sich nicht so verhalten, wie wir es fuer zivilisiert und angemessen halten, dann muss dagegen was getan werden, richtig? Gut, dann lasst uns anfangen. Hohle Thesen und dummes Geschwaetz hatten wir, denke ich, jetzt langsam genug.

Donnerstag, 25. November 2010

Hintergruendlich

Fraenky hatte ich gerade kennen gelernt. Er sitzt schon seit zwei Monaten mit mir in einer Vorlesung, ist mir bis jetzt aber nicht aufgefallen und erst heute hatte ich mitbekommen, dass er in echt Frank heisst und Deutscher ist. Ich auch. Wir kommen ins Gespraech, unterhalten uns ueber die Uni hier, was wir vorher gemacht haben, inwiefern die Texte, die wir hier zu lesen vorgelegt bekommen, einseitig aus westlicher Sicht geschrieben sind - oder nicht.

Nach einer kurzen Gespraechspause schaut er mich ploetzlich an und meint: "Was ist dein Hintergrund?". Mein erster Gedanke ist "hae?", dann "okay, ich glaube, ich weiss was er meint - aber was, wenn ich mich taeusche?", dann entschliesse ich mich zu einem "inwiefern?". Als er mit einem "Naja, du weisst schon..." antwortet, weiss ich schon und kann mir das Grinsen nicht verkneifen: "Ja? Was denn?" - "Naja..." - "Ja?" Jetzt muss ich lachen. Er auch: "Du willst also, dass ich es sage?"- "Ja." - "Okay. Aus welchem Land kommst du?"

Da war die boese Fragen draussen; manchmal ist es gar nicht so einfach, politisch korrekt zu sein. Ich kam aus Deutschland; ich glaube, er hat dann auch noch nach meinen Eltern gefragt, die auch aus Deutschland kommen, worauf er meinte: "Okay, du bist also so ein newborn - aeh - re- aeh - konvertiert, ja?" Ja. Hatten wir's also.

Dienstag, 23. November 2010

Arabische Religion?

Ich habe auf meinen Artikel Deutsche Religion einen freundlichen Kommentar von Anonym erhalten. Unter anderem heisst es darin:

"Der Islam ist auch keine deutsche Religion, sondern eine arabische. Deswegen sollte man auch arabisch lernen, um den Koran besser zu verstehen (...)."

Das ist ein wichtiges Thema, deswegen hier meine Antwort:

"Der Islam ist eine arabische Religion? Warum?

Weil der Koran auf Arabisch geschrieben ist? Ist dann das Christentum auch eine hebraeische (Altes Testament) oder griechische Religion (Neues Testament)?

Oder ist der Islam eine arabische Religion, weil er seine Wurzeln auf der arabischen Halbinsel hat? Dann ist aber auch das Christentum nicht deutsch, sondern genuin nahoestlich, das kommt naemlich aus der gleichen Ecke.

Oder ist der Islam arabisch, weil Muhammad Araber war und Arabisch sprach? Der Logik zufolge waere das Christentum aramaeisch, weil das hoechstwahrscheinlich die Sprache ist, die Jesus sprach.

Oder dachtest du an all die Muslime, die Araber sind? Nun ja. Was aber ist mit arabischen Christen und Juden? Oder mit all den Muslimen, die keine Araber sind? Es wird geschaetzt, dass etwa ein Viertel der Muslime Araber sind. Die zahlenmaessig groesste Gruppe unter den Muslimen sind die Indonesier. Der Islam - eine arabische Religion?"

(Dass Arabischsein und Muslimsein mehr oder weniger das Gleiche ist, glauben uebrigens nicht nur freundliche Kommentatoren auf meiner Seite, dem Glauben haengt auch so mancher (arabische) Muslim an, der nervoes wird, wenn er Muslime trifft, die z.B. keinen arabischen Vornamen haben. Oder die Sorte von neuen Muslimen, die meinen, sie waeren erst so richtig muslimisch, wenn sie sich kleiden wie sie davon ausgehen, dass man sich auf der Arabischen Halbinsel vor ich weiss nicht wievielen Jahrhunderten kleidete. )

Montag, 22. November 2010

Ein historischer Tag

Liebe verzweifelnde Vaeter und Muetter,

bitte gebt die Hoffnung nicht auf! Es ist alles nicht so schlimm und meistens wird alles gut.

Vier Wochen hat es gedauert, bis das Lieschen nicht mehr in Traenen ausgebrochen ist, wenn die Mama es endlich vom Kindergarten abgeholt hat. Ab da war sie dann ganz schnell an dem Punkt, dass Mamas Ankommen abends beim Abholen bemerkt wurde - aber so wichtig, als dass man gleich alles Stehen und Liegen lassen wuerde, war das dann doch nicht unbedingt.

Und heute, an diesem schoenen (?) Novembermorgen, noch einmal vier Wochen spaeter, sind wir nun soweit: Mama bringt das Lieschen in seine Gruppe, Lieschen laeuft zu den Betreuerinnen, welche mit den anderen Kindern am Tisch sitzen und Nudeln ohne Sosse (fragt mich nicht, welches paedagogische Konzept das sein soll) essen, setzt sich dazu und wirft keinen Blick zurueck. Keine Traene, keine ausgestreckten Kinderaermchen - wow.

Ein kleiner Schritt fuer jemanden, der nichts von Kindergarteneingewoehnungen weiss, aber ein grosser Schritt fuer jeden, der es tut ... (oder so).

Donnerstag, 18. November 2010

Zwergenaufstand

Er ist mir ja zutiefst sympathisch, der Sitzstreik der Ryanair-Passagiere, die nach drei Stunden Verspaetung ohne Vorwarnung nicht in Frankreich sondern auf belgischem Boden landeten.

Vielleicht sollte man das hier auch mal probieren - das naechste Mal, wenn ich in einer Menschenmasse vor dem Eingang zur U-Bahn-Station warte, weil diese mal wieder wegen Ueberfuellung zeitweise geschlossen wurde; wenn ich es erst beim dritten Wagen schaffe, mir und das Lieschen einen viertel Quadratmeter Stehflaeche zu erkaempfen - und wir doch nicht in Bank ankommen, weil - wen wundert's - auch diese Station wegen Ueberfuellung dicht gemacht wurde. Sitzstreik vor meiner U-Bahn-Station!, wer macht mit?

(Und dass "Meuterei" und "Sitzstreik" so gar keine englischen Woerter sind, lasse ich nicht gelten. Die Studenten letztens sind doch auch ziemlich fuchtig geworden, und gestern Abend vor den verschlossenen Tueren meiner U-Bahn-Station war die Stimmung fast franzoesisch [ja, so richtig mit Meckern, Fluchen, Schimpfen, ich hab sie gar nicht wiedererkannt, meine hoeflich-formellen Englaender] - da ist Potential!)

Mittwoch, 17. November 2010

Happy Eid

"Es ist Eid!" - "Ach, ist es Eid?".

"Und, was machst du an Eid?" - "Aeh... Texte lesen?"

Das Lieschen hat Eid gefeiert, in seinem Kindergarten. Nachdem die Kinder dort an Halloween Kuerbiskarten gebastelt haben, haben sie diesmal kleine Gebetsteppiche aus Papier ausgeschnitten und angemalt. Ich habe sogar eine "Happy Eid, mummy!"-Karte bekommen. Die Idee scheint wohl gewesen zu sein, dass die Kinder die ausmalen; das Lieschen hat offenbar keine Lust gehabt: mehr als ein roter und ein angedeuteter gruener Krakel ist nicht draus geworden.

Und jetzt muss ich zurueck zu meinen Texten.

Samstag, 13. November 2010

Integration? Ach nö

"In Deutschland wird gerade viel über Integration von Ausländern gesprochen. Aber was ist eigentlich mit den Deutschen im Ausland? Die sind natürlich interessiert an landestypischer Kunst und Kost, sprechen akzentfrei Arikaans und Zulu und kämen nie auf die Idee, der eigenen Leitkultur zu huldigen! Unsere Korrespondenten haben da eher andere Erfahrungen gemacht..."

Ein paar nette Videos zum Thema - finden sich auf tagesschau.de.

Bild: Aquajazz

Freitag, 12. November 2010

9. November

Und schon wieder ein 9. November. Nach dem unsäglichen Auftritt Henryk Broders bei der Verleihung der Börne-Medaille im Juni spricht diesmal - zum Ausgleich sozusagen - der deutsch-französisch-jüdische (mein Gott, diese komplizierten Identitätsfragen aber auch immer) Publizist Alfred Grosser in der Frankfurter Paulskirche. Dass Grosser eingeladen und auch auf Protest des Zentralrats der Juden in Deutschland (ZJD), deren Vertreter mit Grossers Haltung zu Israel nicht einverstanden waren und ankündigten, die Veranstaltung zu boykottieren, nicht wieder ausgeladen wurde, spricht für Oberbürgermeisterin Petra Roth. Wenn das so läuft - dann darf sie meinetwegen auch Broder einladen.

Letztendlich lief das Ganze glimpflich ab:

Grosser rief dazu auf, die Leiden anderer anzuerkennen. An den Anderen zu denken sei eine Voraussetzung für den Frieden. Konkret sagte er: Man könne von keinem Palästinenser verlangen, "dass er die Schrecken der Attentate versteht, wenn man nicht ein großes Mitgefühl hat, die Leiden im Gazastreifen zu verstehen",

berichtet tagesschau.de. Was der ZJD daran auszusetzen haben könnte, erschließt sich mir nicht ganz - aber sie sind ja auch geblieben letztendlich, und der Skandal blieb aus. Was genau die Position des ZJD ist, lässt sich in den Worten des stellvertretenden Präsidenten Salomon Korns hier nachlesen. Eine (kurze) Replik Alfred Grossers findet sich hier. Dass es in erster Linie in Grossers Rede gar nicht vorrangig um den Israel-Palästina-Konflikt geht (wie es einem bei der Berichterstattung in der letzten Zeit teilweise vorkam), zeigt ein Blick auf die Rede.

Und nun? Nachdem wir nun im Detail die Positionen Henryk Broders, Alfred Grossers und des ZJDs zu Israel und Palästina erläutert bekommen haben, könnten wir nächstes Jahr vielleicht - wie wäre es? - einfach nur der Opfer des Nationalsozialismus gedenken. Das war es doch, um was es eigentlich ging, am 9. November - oder nicht?

Mittwoch, 10. November 2010

Madeeha

Oder: Was jetzt, Frau Schwarzer?

Madeeha
ist Mitte 20. Sie kommt aus einer muslimischen Familie in [Land in Südasien]. Ihre Eltern müssen eine ganze Menge Geld aufgebracht haben, um sie zum Studium nach England zu schicken - eine große Investition für eine südasiatische Mittelklassefamilie. Lange studiert hat sie nicht, sie hat nämlich Hassan kennen gelernt, der aus dem gleichen Land stammt und hier seinen Master macht. Sie haben ziemlich schnell festgestellt, dass sie "ohne einander nicht leben können" - und geheiratet. Religiös, weil das schnell und unkompliziert geht. Love marriages sind in [dem Land, aus dem sie stammt] selbst in der augenscheinlich verwestlichten Oberschicht extrem selten. Genauso ungewöhnlich sind Heiraten über die Grenzen der eigenen ethnischen Gruppe hinweg. So kommt es, dass Madeeha und Hassan seit einem Jahr als Ehepaar zusammen leben, ohne dass ihre Familien von der Heirat wissen. Die denken weiter, dass ihr Sohn und ihre Tochter alleine in England leben und studieren.

"Irgendwann nächstes Jahr", wenn Hassan sein Studium beendet hat, wollen sie den Familien in [Land in Südasien] beichten, dass es da jemanden gibt - und die Eltern davon überzeugen, dass eine Heirat in die Wege geleitet werden soll. Das wird voraussichtlich schwierig werden - aber, so Madeeha, "sie müssen zustimmen". Vorher ansprechen will sie das Thema nicht. "Am Telefon kann ich ihnen nicht sagen, wie ich wirklich fühle. Außerdem sind sie schon alt, was mache ich, wenn sie sich so aufregen, dass sie - was weiß ich - einen Herzinfarkt bekommen und daran sterben?" Also wartet sie bis "irgendwann nächstes Jahr" und erzählt bis dahin Freunden und Familien, der junge Mann, der so außergewöhnlich oft auf ihren Facebook-Bildern auftaucht, sei "ein Freund".

Nach der Heirat hat Madeeha ihr Studium aufgegeben. Auf die Frage, was sie studiert habe, lacht sie und meint: "nichts". Jetzt schmeißt sie zu Hause den Haushalt, arbeitet zwei bis drei Stunden pro Woche als Babysitterin, guckt viel Fernsehen oder geht mit einer ihrer Freundinnen einkaufen. Ihr Englisch ist schlechter als man es nach zwei Jahren in England erwarten könnte, aber sie arbeitet und studiert ja nicht. Zu Hause in [Land in Südasien] hat sie außer dem Kopftuch und einem langen Gewand einen Gesichtsschleier getragen. Weil sie von den Männern und ihren Blicken angeekelt war, wie sie meinte. In England angekommen, trug sie dann nur noch Hijab - das erklärte sie dann auch dem Alimustafa: "Ach, ich trage ja auch Hijab". Dass sie dabei mit offenen Haaren vor ihm saß, irritierte ihn nur ein bisschen. Als sie uns abends zum Bus brachte und wieder kein Kopftuch zu sehen war, beschlossen wir, dass er sie falsch verstanden haben musste. Wahrscheinlich meinte sie, dass sie früher auch Hijab getragen hatte. Drei Tage später verlässt sie mit uns das Haus: in engen Jeans und einem Kopftuch. "Ich trage es nur manchmal", erklärt sie, "ich bewundere es, wenn jemand es immer trägt".

So. Das ist Madeeha. Und was jetzt, Necla Kelek und Alice Schwarzer? In welche Schublade stecken wir sie? Selbstbewusste, emanzipierte Frau oder unterdrücktes Muslimchen? Oder ist die Realität doch ein bisschen komplexer als Sie es uns so oft weis machen wollen?

Dienstag, 9. November 2010

Kabarett?

Islamfeindlichkeit, selbst ernannte Experten und was die Medien damit zu tun haben: Hilal Sezgin bringt es mal wieder auf den Punkt.

Sonntag, 7. November 2010

Wohnst du noch...?

Wohnungssuche in London. Alimustafa, die Lieselotte und das Lieschen suchen eine Bleibe. Das ist nicht leicht als Familie (mit Kleinkind!) und noch schwieriger, wenn das Budget, das einem zur Verfügung steht - nun ja - bescheiden ist. Die Wohnungen, die in dieser Preisklasse angeboten werden, liegen im Norden, Osten und Süden der Stadt. Die, bei denen angegegeben ist, dass "Familien und Kinder ok" sind, ausschließlich im Osten.

Die erste Wohnung war ganz nett, das amerikanische Paar, das sich eins der beiden Zimmer teilte auch, aber in ein Zimmer ohne funktionierende Heizung wollten wir dann doch nicht einziehen. Außerdem war die Miete zu hoch für uns.

Das zweite Zimmer war ganz nett, wenn nur das Haus nicht so versifft gewesen wäre. Außer dem Zimmer, das für uns in Frage gekommen wäre, gab es ein zweites, das leer stand, billiger war, aber nicht zu vermieten war (ok?), ein drittes, in dem ein alleinstehender Inder wohnte und ein viertes, in dem eine bengalische Familie (Vater, Mutter, Kind-6-Jahre und Kind-3-Jahre) hausten. Der junge Mann, der uns das Haus zeigte, klopfte den Familienvater aus seinem Zimmer und der Alimustafa begann den "Und-wie-gefällt-euch-das-Haus-so?"-Smalltalk. Frage vier oder fünf: "Und, wie ist die Gegend hier so? Nein, nein, nicht wegen mir, aber meine Frau kommt manchmal nach der Uni spät nach Hause." Bengalischer Familienvater: "Meine Frau geht nicht raus. Vor allem nicht abends." (Ok, ok, ich gebe zu, das war übertrieben... In echt hat er gesagt: "Meine Frau geht kaum raus".)

Das dritte Zimmer war ganz nett. Die Wohnung lag im zehnten Stock eines Sozialwohnungblocks. Drei Zimmer, kleine Küche, kleines Bad, kleiner Balkon. Die Familie, die dort wohnte, war aus Bangladesch. Vater, Mutter, Kind-6-Jahre, Kind-3-Jahre auf zwei Zimmer verteilt, na ja, das geht ja noch, dachte die Lieselotte. Aber dann tauchte noch der Bruder des Mannes auf, der da anscheinend auch noch irgendwo wohnte. Das dritte Zimmer sollte bald frei werden, die junge Familie (Vater, Mutter und ihr 7 Monate altes Kind) wollte ausziehen - und die Vermieter, die ja wirklich sehr nett waren, hätten uns liebend gerne bei sich aufgenommen.

Jetzt wohnen wir ein bisschen weiter draußen, dafür teilen wir uns die Wohnung mit nur zwei Leuten - einem jungen Paar aus [dem gleichen Land in Südasien, aus dem auch Alimustafas Familie stammt]. Ideal ist es hier auch nicht, aber zumindest funktioniert die Heizung, die Frau des Hauses kommt regelmäßig an die frische Luft und die Zahl der Bewohner macht im Verhältnis zur Wohnfläche zumindest etwas Sinn.

Mittwoch, 3. November 2010

Rot-schwarze kleine Blumen


Und auf dem Weg zur Uni habe ich wieder diese kleine Blume - rote Blütenblätter um eine schwarze Mitte - an jemandens Jackenrevers gesehen. Ist das gerade modern? Trägt man das jetzt? Sieht ja ganz schick aus. Auf dem Weg nach Hause - da, noch einer! Abends spricht David Cameron im Fernsehen, von seinem Jackett lächelt eine rotschwarze Blume. Nein, das ist mehr als eine Mode - aber was ist da los?

Gestern Abend im Bus habe ich mir dann ein Herz genommen und den älteren Mann im Bus auf die Blume an seiner Jacke angesprochen. "Wegen Poppy Day", meinte er und sah mich etwas fragend an. Ok, jetzt hatte ich verstanden! An Poppy Day, oder auch: Remembrance Day, gedenkt man hier der Kriegstoten und -versehrten. Und Poppy ist nicht nur ein außergewöhnlich dämlicher englischer Mädchenname (ich würde mich bedanken!), sondern ist auch ganz einfach das englische Word für Mohn: rot-schwarz eben.

Der Mann im Bus war alt genug, dass er vielleicht selbst noch in einem der Kriege in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hat mitkämpfen können. Aber heute an der Uni habe ich allen Ernstes kleine rote Blumen an den Jackenkrägen einiger der Studenten gesehen. Und in der U-Bahn waren auch so einige der Passanten mit falschen Mohnblumen ausgestattet. Das war mir fremd, aber ich komme eben aus Deutschland, wo man schon seit einer ganzen Weile kaum mehr der Kriegstoten gedenkt - jedenfalls nicht der Soldaten.

Dienstag, 2. November 2010

Montag, 1. November 2010

Letztens gelesen (07)

Oder genauer: "Letztens nicht geschafft fertig zu lesen" - ich verschlinge bis zu 200 Seiten politikwissenschaftlicher, soziologischer, psychologischer, historischer Fachliteratur (interdisziplinär fand ich schon immer gut!) pro Woche, da komme ich zu nicht viel anderem.

Ein Stapel Bücher, angefangen aber nicht zu Ende gebracht, geht also die Tage wieder zurück in die Bücherei:

Adam J. Silverstein: Islamic History. A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2010.

Eine überschauliche (keine 140 Seiten lange), überraschend selbstreflexiv geschriebene Übersicht zum Thema mit einigen interessanten Denkansätzen, die mir in ähnlichen Publikationen noch nicht begegnet sind: zum Beispiel zur Rolle des Kamels bei der Verbreitung des Islams. Hätte ich gerne zu Ende gelesen.

Aa'id Abdullah al Qarni: Thirty Lessons for Those Who Fast. Hounslow: Message of Islam, 1999.

Kurz vor dem Ramadhan dachte ich, jetzt muss mal wieder was Islamisches ins Haus. In unserer lokalen Bücherei habe ich mir dann aus den wenigen nicht religionswissenschaftlichen Büchern zum Islam dieses ausgesucht. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Arabischen, was man schnell am etwas blumigen und pathetischen Stil erkennt. Dass es ein bisschen aus der Saudi-Ecke zu kommen scheint, darauf weisen die gelegentlichen Stellen, die Musik verteufeln und ein etwas - nun ja, wie soll ich sagen: gewöhnungsbedürftiges? Frauenbild propagieren (falls die Recht haben, bin ich in big trouble...). Davon abgesehen (und insofern man sich für islamische Theologie interessiert): lesenswert. Ob ich den Bibliotheksangestellten mal einen Tipp geben soll, dass sie da Saudi-Propaganda im Regal stehen haben?

Michael Palin: New Europe. London: Phoenix, 2008 (2. Auflage).

Der britische Komödiant und Reisejournalist Michael Palin reist 2006 und 07 durch 21 Länder in Ost- und Südosteuropa: vom Balkan über die Türkei, Zentraleuropa und die Krim ins Baltikum, die Reise endet in Ostdeutschland. Auf die Suche nach dem "neuen Europa" möchte er sich machen, was natürlich ein unsinniger Begriff ist: Polen, Bulgarien, Kroatien, die Ukraine waren schon immer Europa; neu ist nur die Perspektive auf diese Länder. Der Mann ist Reporter und das Buch gerade mal 300 Seiten dick, insofern ist es nicht erstaunlich, dass vieles nur gestreift wird. Dennoch hat er es anscheinend in den wenigen Tagen, die er und seine Crew in jedem der Länder verbracht haben, geschafft, das jeweils Typische zu erfassen.

Ken Blakemore: Sunnyside Down. Growing Up in '50s Britain. Stroud: The History Press, 2005.

Irgendwann dachte ich dann, dass ich vielleicht mal was über englische Geschichte lesen sollte. Ken Blakemoores Bericht über seine Kindheit in einem englischen Dorf in den 1950ern und 60ern war dann bloß so sterbenslangweilig, dass ich es ganz schnell wieder zur Seite legen musste. Vielleicht weil die kulturelle Differenz dann doch nicht groß genug ist, als dass es interessant und spannend sein könnte?

India with Sanjeev Bhaskar. London: HarperCollins, 2007.

Das Buch habe ich mir wegen der Fotografien mitgenommen. (Und ein bisschen aus Gründen der Nostalgie.) Vom Konzept her ähnelt es dem Palin-Buch: Der Brite Sanjeev Bhaskar macht sich mit einem Kamerateam im Gefolge auf den Weg back to the roots und besucht Indien, das Land aus dem seine Eltern einst nach England kamen. Und Pakistan, von wo die Familie nach Indien flüchtete. Allein für die Bilder lohnt sich die Lektüre.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Multikulti in der Praxis

Bei uns im Kindergarten sieht das so aus:

Freundliche E-Mail der Leitung: "Liebe Eltern, aufgrund der Nachfrage einiger Kinder und Eltern haben wir uns entschieden, dieses Jahr im Kindergarten Halloween zu feiern. Auch wenn Halloween ein Fest ist, das in einer ganzen Reihe von Ländern verbreitet ist, ist uns bewusst, dass es nicht überall gefeiert wird. Wir werden deshalb für die Kinder, deren Eltern nicht möchten, dass sie sich an den Feierlichkeiten beteiligen, einen Raum herrichten, in dem sie einen ganzen normalen Tagesablauf folgen können. Bitte lassen Sie uns so bald wie möglich wissen, ob sie einverstanden sind, dass ihr Kind an der Halloweenfeier teilnimmt - oder nicht."

Lieselotte will eigentlich nicht, dass das Lieschen Halloween feiert. Sie fragt den Alimustafa, was er davon hält. Alimustafa hat in [Land in Nordamerika] als Kind selbst Halloween gefeiert und sieht kein Problem dabei.

Mittwochmorgen im Kindergarten:

Lieselotte: "Hi Lilly, sag mal, wegen der E-Mail, die ihr da letztens rumgeschickt habt, die wegen Halloween - Wieviele Eltern haben sich denn bis jetzt gemeldet, die meinen, sie wollten lieber nicht, dass ihr Kind Halloween feiert?"

Lilly: "Oh, bis jetzt ist es ein Kind."

Lieselotte: "Oh. Achso - ähm..."

Lilly: "Ja, warum? Wäre das ein Problem für euch?"

Lieselotte: "Naja, ich hätte eigentlich gesagt, dass ich nicht will, dass sie es mitfeiert. Aber ich will auch nicht, dass alle Kinder feiern und sie dann mit einem anderen Kind in einem separaten Raum sitzt. Also, wenn es wirklich nur ein anderes Kind ist, dann soll sie mit den anderen feiern."

Lilly: "Ja, aber die Halloweenfeier wäre wirklich auch in Ordnung, da brauchst du dir keine Sorgen machen, wir backen nur Plätzchen, basteln Kürbisbilder und singen Itsy Bitsy Spider und so... Also nichts Gruseliges, keine Sorge! Wir können auch noch ein bisschen warten und wenn sich noch mehr Eltern melden, dann können wir das Lieschen mit den anderen Kindern in dem separaten Raum betreuen, ja?"

Lieselotte: "Ach, nee nee, das ist schon in Ordnung. Wenn es bis jetzt wirklich nur ein anderes Kind ist, dann wäre das ja Quatsch, das will ich nicht. Vielleicht frage ich einfach am Freitag morgen noch mal. Aber das sollte schon okay sein."

Lilly: "Gut."

Monique: "Bist du dir sicher? Wenn nicht, dann sag halt einfach noch mal Bescheid, ja? Wir wollen dich auf keinen Fall zu einer Entscheidung zwingen, mit der du eigentlich nicht einverstanden bist!"

Lilly: "Ja, und wenn dir selbst irgendwelche Feste einfallen, von denen du gerne hättest, dass sie im Kindergarten gefeiert werden, dann sag auch Bescheid. Wir haben bis jetzt nie Halloween gefeiert und machen das dieses Jahr nur auf ausdrücklichen Wunsch einiger Eltern und Kinder."

"Es gibt einen extra Raum" statt "natürlich machen alle mit". "Liebe Eltern, was haltet ihr davon" statt "So läuft das hier". "Ihr könnt auch was beitragen" statt "So ist das halt hier". "Wir nehmen Rücksicht auf das, was euch wichtig ist" statt "Wo kommen wir denn hin, wenn jedem eine Extrawurst gebraten wird".

Das ist Multikulti, wie ich es meine.

Samstag, 30. Oktober 2010

Tube-Geschichten (04)

"Was ist denn jetzt schon wieder los?!" - jeden Morgen die gleiche Frage. Diese tube-Linie fällt heute aus, auf jener gibt es Verspätungen und diese dort fährt nur zwischen dieser und jener Station. Signalstörungen, Probleme mit den Gleisen, eine Tür, die nicht schließt, Streik. Irgendwas ist immer.

Wenn ich erzähle, dass ich in [einer Metropole - besser: Moloch - Südasiens] regelmäßig Auto gefahren bin, ernte ich immer wieder Erstaunen und Bewunderung. Dabei ist die wirkliche Herausforderung ist nicht südasiatischer Feierabendverkehr in der Großstadt - es ist eine Reise mit der London tube von A nach B.

Am schlimmsten ist es vor neun Uhr morgens und nach halb sechs Uhr abends, wenn alle Pendler versuchen, sich noch in einen Zug zu quetschen. Schon im Gang auf dem Weg zu den Gleisen staut sich die Masse an Menschen - fünfzig Meter, hundert. Und das in einem zehn Meter breiten Gang. Du kommst nur im Schritttempo weiter. Dass du schließlich doch wohlbehalten am Gleis angekommen bist, heißt gar nichts. Du musst dich erst noch in einen der Züge kämpfen. Das klappt nicht immer beim ersten Mal, aber je länger du dort stehst, desto skrupelloser wirst du - und schaffst es schließlich doch.

Da stehst du dann, die Haare der Frau vor dir im Gesicht, spürst den Atem des Mannes neben dir auf deiner Nase und machst komische Verrenkungen, um an die Haltestange zu kommen ohne dem Jungen neben dir auf den Fuß zu treten. Dabei ist, die Haltestange zu erreichen, eigentlich nur von peripherer Bedeutung, da du, selbst bei einer Vollbremsung, gar nicht fallen kannst. Besonders nett ist die ganze Übung mit einem Kleinkind auf dem Arm oder im Buggy - wobei es hier auch einen Vorteil gibt: Wenn du Glück hast, verfällt das Kleine nach einer Weile in panikartige Platzangst und fängst so laut an zu schreien, dass du aus Mitleid doch noch einen Sitzplatz angeboten bekommst.

Südasien kann breitere Straßen bauen, striktere (und weniger korrupte) Verkehrskontrollen einführen und eigentlich längst nicht mehr verkehrstüchtige Uraltautos verbieten. Was aber ist mit London? Warten wir hier, bis in einem der überfüllten Gänge, in denen es weder vor noch zurück geht, die erste Massenpanik ausbricht - oder wird da vielleicht schon mal vorher was gemacht?

Freitag, 22. Oktober 2010

Tube-Geschichten (03)

Treppen rauf, Treppen runter, meine Tasche mit den Unterlagen über dem einen Arm, die Tüte mit Frühstück-Vormittagssnack-Mittagessen-Nachmittagssnack in der einen Hand, den Griff vom Buggy mit dem Lieschen drin in der anderen. Einen Aufzug oder Rolltreppen gibt es in den wenigsten tube-Stationen und das Netz der Gänge, Treppen, wieder Gänge, durch die man sich schlängeln muss, um zur nächsten Bahn, dem Ausgang zu kommen, scheint schier unendlich.

"Entschuldigung -", "Könnten Sie vielleicht -", "Würden es Ihnen was ausmachen -" - die meisten Leute helfen ja. Manche, sogar ohne dass ich einen meiner kleinen Sprüche aufsagen muss. Oft sind es junge Frauen, die einem während dem Buggy-die-Treppe-Hochschleppen dann zuzwinkern und meinen: "Zwei, drei Jahre alt, hm? Meine ist anderthalb".

Emily und Helen musste ich auch nicht lange um Hilfe bitten. Emily hat sich einfach das Fußende des Buggys geschnappt und los ging's. Jede weitere Treppe, die, nachdem man das schwere Ding gerade mal abgesetzt hatte, schon wieder am Ende des Ganges auftauchte, wurde von ihr mit einem lauten Lachen begrüßt: "Nee, oder?! Die spinnen doch, wie soll man das denn machen, mit nem Buggy? Jetzt stellt euch mal vor, da ist einer im Rollstuhl unterwegs!".

Auf dem Gleis angekommen schnaufen wir beide. Sie verwirft sie mein "Dankeschön" mit einem "Schon in Ordnung, Liebes" und schickt ein gurrendes Lachen hinterher: "Wie hättest du das denn machen sollen, ohne uns?!" In der Bahn ziehen wir noch etwas über das Londoner Nahverkehrssystem her, ich versichere den beiden, dass es an meiner Endhaltestelle einen Lift gibt und ich bestimmt auch morgen wieder jemanden finde, der mir beim Schleppen hilft. Zum Abschied umarmt sie mich und das Lieschen und ihre Freundin winkt uns, dann steigen die beiden aus. Und das Lieschen und ich fahren weiter, bis zur Endhaltestelle, wo ein Lift auf uns wartet.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Multikulti at its best

Mellow Mark / Momo Djender / Rani Krija (Mellow Maroc): Live-Konzert in Köln

Was kommt dabei heraus, wenn man einen algerischen Kölner an der Trommel, einen marokkanischen Berliner, der singt, Gitarre und Flöte spielt, und einen deutschen Muslim, der Reggae macht, zusammenbringt und sie Musik machen lässt? Vielleicht sowas wie Mellow Maroc.



Montag, 11. Oktober 2010

Das ist halt so

Wenn einem einer erklären will, warum man natürlich als Kopftuchmuslima nicht als Lehrerin, Richterin, Verkäuferin bei Kaufhof arbeiten kann, dann heißt es oft: "Na ja, das ist halt so, wenn sich da einer mit nem riesen Irokesenschnitt oder ner großen pinken Brille bewirbt, dann wird der ja auch nicht genommen".

Ich habe den Mann heute in einer der größeren U-Bahn-Stationen in der Londoner Innenstadt gesehen. Er war einer der tube-Angestellten, stand da in der Tickethalle und hat seine Arbeit gemacht wie alle anderen. Man hat ihn schon von weitem erkennen können; da war sein Iro dran Schuld. Mehr als 20 Zentimeter lang, die ersten paar Zentimeter schwarz, der Rest knallrot gefärbt. Vom Arbeiten hat der ihn nicht abgehalten.

Noch Fragen?

Sonntag, 10. Oktober 2010

Kein Hass

Der Großteil der Muslime, die ich kenne, sind ziemlich homophob. Der Großteil der Türken, Araber, Spanier, Türken, Italiener (alle eben, die von Gesellschaften geprägt sind, die noch ziemlich traditionell sind), die ich kenne, haben ein Problem mit Homosexuellen. Und natürlich, gibt es auch viele Deutsche, die eine Abscheu gegen Schwule und Lesben hegen.

Jetzt ist es eine Sache, eine Lebensart oder eine Gruppe von Menschen gut zu finden oder auch nicht. Das alleine ist wohl jedem selbst überlassen. Die Grenze ist für mich dann erreicht, wenn die eigene Einstellung dem anderen gegenüber deutlich gemacht wird - durch missbilligende Blicke, abfällige Kommentare oder noch schlimmer, Beschimpfungen oder einen tätlichen Angriff. Ich will das nicht, wenn Muslime die Opfer sind oder Türken oder Kopftuchträgerinnen; und ich hab auch was dagegen, wenn es um jemanden geht, der schwul oder lesbisch ist.

In einem Kurs, an dem ich mal in meiner Moschee in [der Stadt, in der ich in Deutschland lebe] teilgenommen habe, hat der Vorsitzende der Moschee erklärt: "Wie kann man als Muslim einen Menschen hassen? Wir sollen nicht den Menschen hassen - vielleicht missbilligen wir seine Taten - aber wir hassen doch nicht die Person an sich!" Da könnte sich so mancher mal ein paar Gedanken drüber machen. Und auch über die Frage, ob wir Ähnliches unterschiedlich bewerten. Sex zwischen Männern und zwischen Frauen mag im Islam verboten sein. Aber reagieren wir mit der gleichen Vehemenz, die einem Schwulen oder einer Lesbe entgegen gebracht wird, gegenüber Leuten, die andere Taten begehen, die im Islam als Sünde angesehen werden? Was ist mit Ehebruch? Mord? Diebstahl? Übler Nachrede?

Und wie kam ich darauf? Ach ja, Hauke hat mir diesen Link zu einem Video auf Youtube geschickt.

Übrigens, das fällt mir gerade noch ein, habe ich oft eine Parallele zwischen meiner Situation als Gerade-Neu-Muslima und einem Schwulen, der sein Comingout noch vor sich hat, gesehen: "Wem sag ich's? Wem nicht? Wie sag ich's? Wie werden sie reagieren? Was wird anders sein? Ich will so leben - trau ich mich's zu sagen?" - das sind Fragen, die ich auch sehr gut kenne.

Samstag, 9. Oktober 2010

Ein bisschen Anti-Islam

Stefan Weidner in einem Qantara-Artikel über die Anti-Islambewegung in Deutschland und Europa, welche Rolle die deutschen Medien dabei spielen und wie man sich den Anti-Muslimisten gegenüber verhalten soll. Wer mehr wissen will: Vom 3. bis 5. Dezember findet in Köln ein vom Verein zur Förderung politischen Handelns organisiertes Seminar zum Thema statt. Referentin ist die Juristin und Islamwissenschaftlerin Nahed Samour. Mehr dazu hier.

Freitag, 8. Oktober 2010

Alles bio oder was

Wo wir's hier ja letztens von bio, öko und so weiter hatten: Auf tagesschau.de findet sich eine interaktive Karte mit einer Menge Infos zum Thema billiges versus gesundes Essen. Unter dem Menüpunkt "Pro / Contra Bio" ist eine ganze Reihe von Argumenten für und gegen Bio-Lebensmittel aufgelistet, die jeweils von beiden Seiten beleuchtet werden: Ist "Bio" wirklich artgerechter und umweltbewusster, sind die Tiere tatsächlich glücklicher und gesünder - eine ganze Menge von Fakten also, leserfreundlich aufbereitet. Lohnt sich, einen Blick drauf zu werfen, meint die Lieselotte.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Back to School

Jetzt ist die Lieselotte also wieder Studentin.

Die ersten Tage an der Uni waren von Panik geprägt. Oh nee, kriege ich die Studiengebühren rechtzeitig zusammen? Was ist mit der Bafög-Bewerbung? Wie soll ich diese endlos komplizierte Kurswahl bewältigen? Was soll ich mit einem Betreuer, der mein (Ur-)Großvater sein könnte und deutliche Zeichen von Parkinson aufweist? Was mache ich, wenn der Prof im Seminar rauskriegt, dass ich keine Ahnung habe, von was er spricht? Wie kaschiere ich, dass ich mich auf Englisch längst nicht so eloquent ausdrücken kann wie all die Amis und Kanadier in meinem Kurs? Sind die anderen Studenten alles so arrogante Sockel wie der Typ letztens in dem Seminar? Krieg ich - nach all der Zeit - überhaupt noch nen akademischen Essay hin? Und was ist mit dem Lieschen? Wird sie sich im Kindergarten eingewöhnen? Was mache ich, wenn sie sich nach zwei, drei Wochen immer noch nicht eingewöhnt hat, ich sie wieder aus dem Kindergarten nehmen muss und dann ein angebrochenes Studium und ein traumatisiertes Kind habe?

In der Zwischenzeit ist der erste Schock vorbei. Das mit den Studiengebühren und dem Bafög kommt schon irgendwie hin, die Kurswahl ist gut gelaufen, der Betreuer sehr nett, ab und zu blamiert man sich halt mal durch nur mittelqualifizierte Beiträge im Seminar (na und? wenigstens hab ich was gesagt, und nächste Woche erinnert sich da eh keiner mehr dran). Das mit dem Englisch wird bestimmt auch bald besser, die meisten Studenten sind ganz okay und das Lieschen hat sich super im Kindergarten eingelebt. Alles eigentlich ganz gut gelaufen, Gott sei Dank, und ich freue mich auf ein Jahr, das verspricht, spannend zu werden.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Wie öko bist du?

Fleischkonsum, Flugreisen, Fenster auf und Heizung an - wie öko bist du? Hagen Rether über einige wesentliche Fragen, die wir uns viel zu selten stellen.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Gemeinsam ins Verderben

"Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, daß es dem andern schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, daß es dem andern auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht."

Karl Kraus (1874 - 1936)

Montag, 4. Oktober 2010

Ihre Lieder und Gedichte

Dieses Video habe ich im April schon einmal gepostet. Es war da schon über ein halbes Jahr alt, jetzt ist es über ein Jahr seit es aufgenommen wurde - aber das macht nichts. Aktuell ist, was Hagen Rether hier zum Thema Migranten in Deutschland und zur deutschen Türkeipolitik zu sagen hat, immer noch.

Und diese unsägliche Sarrazin-Debatte, die Deutschland so sehr in Aufregung versetzt hat in den letzten Wochen, ist mal wieder ein schöner Anlass, sich anzusehen, was einer von Lieselottes Lieblingskabarettisten zum Thema zu sagen hat . Der Mann bringt es auf den Punkt. Viel Spaß!

Sonntag, 3. Oktober 2010

Tag der Offenen Moschee

Heute ist nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern auch der Tag der Offenen Moschee (TOM), der seit 1997 jedes Jahr am 3. Oktober stattfindet. Deutschlandweit bieten eine ganze Reihe von Moscheen Führungen, Vorträge und Diskussionrunden rund um das Thema Islam und Muslime in Deutschland an. Eine schöne Möglichkeit, sich mal eine Moschee von innen anzusehen, beim Gemeinschaftsgebet zuzugucken und all die Fragen zum Thema zu stellen, die man schon immer mal loswerden wollte - meint die Lieselotte. Eine Liste der beteiligten Moscheen und angebotenen Veranstaltungen findet sich auf der TOM-Webseite.

Samstag, 2. Oktober 2010

Freitag, 1. Oktober 2010

Ein kleiner Aufkleber

Vor ein paar Tagen habe ich einen kleinen Aufkleber geschenkt bekommen. Schwarz-weiß-grün-rot - die palästinensische Flagge, auf der mit großen Lettern geschrieben steht: "Boycott Israeli Goods". Ich habe - den Sticker in der Hand - eine Weile überlegt; jetzt klebt er auf dem Etui meiner tube-Monatskarte. Grinst mich jedes Mal, wenn ich in die U-Bahn steige an. Und hinterlässt ein ungutes Gefühl.

Dabei ist eines klar: Ich bin dafür, israelische Produkte zu boykottieren. Wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich dafür, nicht das israelische Produkt zu kaufen. Weil ich ein Zeichen setzen möchte und diesen Staat, seine derzeitige Regierung und deren Politik nicht unterstützen möchte. Weil ich glaube, dass es Druck von außen ist, der Israel zum Überdenken seiner Palästinapolitik bringen kann: es muss ungemütlich werden, bevor man anfängt, in Frage zu stellen. (Mehr zum Konzept der Kampagne BDS, die auf Boykott, Desinvestition und Sanktionen gegen den israelischen Staat setzt, hier.)

Aber: Ich habe ein Problem mit solchen politischen Parolen. Ich bin für Dialog, für einen wertschätzenden Dialog und ich glaube nicht, dass man weit kommt, wenn man seinem Gegenüber einen Slogan wie eben diesen auf meinem Aufkleber konfrontativ entgegen knallt. Ich glaube, dass man sich damit Türen verschließt. Mein (imaginärer) israelischer Kommilitone würde sich vielleicht auf eine Diskussion zum Thema mit mir einlässen - aber der Sticker, das Statement zieht eine Mauer zwischen uns auf. Auch, und das ist das zweite Problem, weil er den, der mich mit dem Aufkleber sieht, sofort in eine Kategorie schiebt: "Aha, pro-Palis also!". Dabei bin ich nicht einfach pro-israelisch oder pro-palästinensisch. Diese Kategorien sind vielzu simplifizierend, um die Komplexität dessen, was das zwischen Mittelmeer und Jordan vor sich geht, zu beschreiben.

Ich höre manche schon sagen: "Ha ha ha, einen wertschätzenden Dialog willst du, Lieselotte? Mit Israel? Erzähl das mal dem Soldaten dort vorne am Checkpoint!". Und die anderen: "So so, israelische Produkte willst du also boykottieren - 'kauft nicht bei Juden', sind wir also wieder soweit?!". Aber von diesen beiden hat keiner verstanden, was ich meine und um was es mir geht.

Der Sticker klebt noch auf meinem Fahrkartenetui. Ob er dort bleibt, habe ich noch nicht entschieden.

Donnerstag, 30. September 2010

Deutschland und Israel

Heute kam mir diese Einladung ins Haus. Hört sich richtig gut an und ich würde gerne hin, bloß liegt Berlin zurzeit etwas außerhalb meines Radiuses.

"Wie weiter mit dem deutsch-israelischen Verhältnis?
Über Erwartungen, Missverständnisse
und besondere Beziehungen

Podiumsdiskussion

Datum: Mittwoch, 6. Oktober 2010, 19.30 Uhr
Ort: Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, Berlin-Mitte
Mit: Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in der Bundesrepublik; Sylke Tempel, Chefredakteurin der „Internationalen Politik“; Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Die deutsche Bundeskanzlerin hat, wie alle ihre Vorgänger, die besondere Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel betont. Doch wie steht es wirklich mit dem deutsch-israelischen Verhältnis, mit der beschworenen Solidarität, wenn sich der jüdische Staat in den Augen vieler Deutscher immer weiter von den Maßstäben entfernt, an denen wir Israel gern messen: eine Insel der Humanität, Friedfertigkeit und Toleranz im Nahen Osten zu sein? Während die liberale Öffentlichkeit in Deutschland postnationale Ideale, kulturellen Pluralismus, die Idee einer säkularen Demokratie und den Vorrang des Völkerrechts vor der nationalen Souveränität vertritt, stößt die israelische Siedlungs- und Besatzungspolitik auf immer mehr Unverständnis.

Für Israel wiederum ist das Misstrauen gegenüber Deutschland (und Europa), dem Ursprungsland des eliminatorischen Antisemitismus, nach wie vor groß. Gerade von Deutschland erwartet Israel Verständnis für seine Sicherheitsbedürfnisse. Während sich die Linke in Deutschland vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus dem Prinzip des Gewaltverzichts und des friedlichen Interessenausgleichs verpflichtet fühlt (und das auch von Israel erwartet), steht für die Holocaust-Überlebenden und ihre Nachkommen der jüdische Nationalstaat und seine wehrhafte Sicherheit im Zentrum ihrer Bestrebungen.

Es scheint manchmal, als lebten wir in verschiedenen Welten – trotz des intensiven Austauschs, der zwischen beiden Ländern stattfindet. Wird es gelingen, mit dem wachsenden historischen Abstand zum Holocaust ein neues gegenseitiges Verständnis aufzubauen? Worin soll und kann das besondere Verhältnis zwischen Deutschland und Israel in Zukunft bestehen? Und was können die Bundesrepublik und die EU tun, um einen Friedensschluss im Nahen Osten zu befördern? Welche Kritik an der israelischen Politik ist legitim – und welche nicht?

Informationen: Marianne Zepp, T.: 030-28534-234, E.: zepp@boell.de"

Freitag, 24. September 2010

Nach Thilo: Alice!

Nachdem man sich in den letzten Wochen das Gesalbader von Thilo Sarrazin anhören musste, tritt jetzt - mal wieder - ein weiteres Original ins Bühnenlicht: Alice Schwarzer hat ein neues Buch herausgegeben. "Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus" - aha.

Dabei unterscheidet sich Alice Schwarzer in ihrer Kritik, die die Nuancen, die das Thema bräuchte, um adäquat beschrieben zu werden, nicht zulässt, gar nicht so sehr von den "Fundamentalisten", vor denen sie warnt. Anschaulich beschreiben tut das Özlem Topcu in der ZEIT von heute. Zu empfehlen!

Mittwoch, 22. September 2010

Bilder vom Krieg

Ich war zwei Mal in Bonn, nur für ganz kurz, aber ich bin mir sicher: Das ist Provinz. Diesen Freitag lohnt sich ein Besuch in dem Städtchen, das mal Hauptstadt sein wollte, sehr: Da findet nämlich die Vernissage des Projekts "Shoot" statt. Untertitel: "Ein Projekt über die Ikonografie des Nahostkonflikts".

Konkret soll es darum gehen, die Bilder aus dem Nahen Osten, die wir tagtäglich von Presse und TV als ein Stück Wirklichkeit präsentiert bekommen, zu hinterfragen. Inwiefern stellen sie tatsächlich Realität dar? Was geht auf dem Weg vom Fotografen vor Ort über die Bildagenturen bis in die Chefredaktionen verloren? Welches Image des Konflikts wird so vermittelt?

Neben der Ausstellung von Arbeiten des Künstlers und Konfliktforschers Felix Koltermann stehen in Bonn noch bis zum 19. Oktober eine ganze Reihe Veranstaltungen zum Thema auf der Agenda. Am 28. September zum Beispiel ein Vortrag von Irit Neidhart zum Thema "Das Image des israelisch-palästinensischen Konflikts im Film", am 5. Oktober ein Vortrag von Felix Koltermann zum Bild des Gaza-Krieges in den deutschen Printmedien, am 12. Oktober ein Gespräch zwischen Koltermann und dem Bildredakteur Marcel Mettelsiefen über die Herausforderungen fotojournalistischer Arbeit im Nahostkonflikt und schließlich am 19. Oktober die Finissage in Anwesenheit des Künstlers.

Ich will nach Bonn!

Dienstag, 21. September 2010

Happy Peace Day to You

Heute war der Internationale Weltfriedenstag. Ich hatte bis vor ein paar Tagen keine Ahnung, dass es so etwas überhaupt gibt. Fand die Idee aber nicht schlecht und so hatte die britische Organisation International Alert, die an der Prävention und Bearbeitung von Konflikten weltweit arbeitet, heute eine Freiwillige mehr. Geld sollten wir in einer der Londoner tube-Stationen sammeln, Flyer verteilen und mit den Passanten ins Gespräch kommen. Einen Babysitter für das Lieschen hatte ich nicht, sie war also mit dabei.

Die Londoner tube ist meist voll, bisweilen überfüllt, und bis auf kleine Grüppchen an Touristen, die vor allem im Weg stehen, ziemlich hektisch. Da hat kaum einer Lust, sich von vier Freiwilligen in blauen T-Shirts erklären zu lassen, warum "Frieden möglich ist" (das war einer der Slogans auf unseren T-Shirts). Unsere "Happy Peace Day!"- und "Donate for Peace"-Rufe haben dann auch nicht wirklich was gebracht. Kaum Geld, von Aufmerksamkeit ganz zu schweigen.

Dann hatte die Lieselotte die Idee doch zu singen.

Die beiden anderen Mädels waren nicht wirklich für meine Idee zu begeistern, aber der Junge aus Indonesien hat sich bereit erklärt, meinen Bass abzugeben.

...

Ja, falls ihr das Mädchen heute gesehen habt, in der tube-Tickethalle, das da stand mit einem Kleinkind im Arm, inmitten einer Gruppe von Leutchen, die alle die gleichen blauen T-Shirts trugen und Geldsammeldosen in der Hand hatten, und die begleitet von einem jungen Mann aus Indonesien wieder und wieder "Happy Peace Day to you / Happy Peace Day to youuu / Happy Peace Daaaay / Donate for Pea-hea-ce / Happy Peace Day to youuu" schmetterte - das war ich.

Happy Peace Day!

Montag, 20. September 2010

8 Millionen

Heute auf Aljazeera gehört (in einem Bericht über die UN-Millenniumziele): Jedes Jahr sterben 8 Millionen Kinder unter 5 Jahren. An Unterernährung, mangelnder medizinischer Versorgung, unzureichenden hygienischen Bedingungen.

8 Millionen. Das sind fast so viele Kinder wie die Schweiz Einwohner hat. Das sind 8 Millionen mal eine Mutter oder ein Vater, denen ein Kind fehlt. 8 Millionen kleine Menschen, die nicht größer werden durften.

8 Millionen. Und wir sitzen hier und zerbrechen uns den Kopf darüber, ob wir heute das lila oder das türkisene Kopftuch tragen wollen. Ob wir noch ein Stück Kuchen essen sollen oder lieber nicht - weil uns jetzt schon leicht übel ist. Machen uns Gedanken über alles Mögliche - aber nicht über diese Kinder, über Sachen, die wirklich wichtig sind.

Sonntag, 19. September 2010

Es tut sich was - tut sich was?

Boomende Wirtschaft, demokratische Reformen, außenpolitische Macht - in der Türkei tut sich was. Was aber heißt das für die EU und Verhandlungsprozess über einen eventuellen Beitritt der Türkei? Einen Überblick gibt Thomas Seibert in der ZEIT.

Mittwoch, 15. September 2010

Zeitgeist?

"Vom CSI-Effekt wird in der Jurisprudenz der USA gesprochen, wenn die Auswirkungen kriminologischer Fernsehserien auf das Verhalten sowohl von Geschworenen als auch Verbrechern untersucht werden.

Der Begriff bezeichnet den Umstand, dass die Geschworenen an US-Gerichten seit Mitte der 1990er Jahre, beeinflusst durch zahlreiche die Forensik thematisierende Fernsehserien wie CSI: Den Tätern auf der Spur, verstärkt auf forensische Beweise pochen und beim Fehlen eben dieser eher geneigt sind, Angeklagte für unschuldig zu befinden [...].

Nach einigen Urteilen, die sich auf ein derartiges Verhalten zurückführen ließen, sind viele US-Anwälte inzwischen dazu übergegangen, Geschworene abzulehnen, die sich als Fans von CSI: Den Tätern auf der Spur, Crossing Jordan oder ähnlichen Serien bezeichnen.

Ein Problem besteht darin, dass viele der Serien keine Dokumentationen über reale Kriminalfälle sind, sondern imaginäre darstellen und manche der dargestellten Möglichkeiten reine Fiktion sind, da sie über den Stand der Technik hinausgehen oder gar aus prinzipiellen Gründen unmöglich sind. [...]. So sind Opfer und Angehörige von Opfern offenbar zunehmend mit polizeilichen Untersuchungen unzufrieden [...]."

Quelle: Wikipedia

Montag, 13. September 2010

Angekommen

Wenn man es hinbekommt, einer Gruppe Touristen eloquent mindestens drei verschiedene Wege zur nächsten tube-Station zu erläutern -

Wenn man sich entspannt, sobald man in der U-Bahn im eigenen Teil der Stadt aus dem Tunnel kommt -

Wenn einen Bauarbeiter auf der Straße, die Angestellten der lokalen Bücherei, die Junkies um die Ecke und die Kinder auf dem Spielplatz alle freundlich grüßen -

Wenn man auf einer Broschüre zu den Aktivitäten für Kinder unter 5 Jahren im Viertel auf fast jedem der abgedruckten Bilder ein bekanntes Gesicht erkennt (und einem die Namen dazu auch nicht unbekannt ist) -

- dann ist man wahrscheinlich angekommen.

Freitag, 10. September 2010

'Id in London

29 oder 30 Tage dauert der Ramadhan. Danach kommt 'Id. Bayram sagen die Türken, bajram die Bosnier und genau heißt es 'id-ul-fitr: das Fest des Fastenbrechens. Am Morgen oder Vormittag wird in der Moschee das Festgebet in Gemeinschaft gebetet - und dann wir drei Tage gefeiert.

Wann genau 'Id ist, löst jedes Jahr wieder Diskussionen aus. Die einen bestehen darauf, dass der Mond zu sehen sein muss, den anderen reicht es, zu berechnen, wann der Mond prinzipiell zu sehen sein könnte, die nächsten richten sich danach, wie das in ihren Herkunftsländern gehandhabt wird und wieder andere orientieren sich an Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Iran. Ich hatte im Kopf, das 'Id am Freitag ist, am Donnerstag also noch mal gefastet wird und habe dann einen mittelschweren Schock erlitten, als ich am Donnerstagabend auf islam.de gelesen habe, dass laut dem Koordinationsrat der Muslime in Deutschland 'Id am Donnerstag ist. Was, wie bitte? Oh nee, und ich habe heute gefastet! Ein paar Minuten hektischer Recherche auf verschiedenen Websites später war dann klar: nein, in Großbritannien ist es - für die Mehrheit der Muslime zumindest - am Freitag. Puh.

Es ist mein erstes 'Id in London. Ich kenne hier wirklich noch nicht viele Leute, vor allem keine Muslime, aber Donnerstagabend nach dem Fastenbrechen ging es los: Mein Telefon hörte gar nicht mehr auf zu Piepen, noch eine SMS mit 'Id-Wünschen und noch eine und noch eine. Am Freitagmorgen machte ich das Lieschen fertig, packte sie in den Buggy und machte mich mit ihr auf den Weg in die Moschee. Schon auf der Fahrt mit dem Bus fallen mir die Gruppen von Männern in weißen, roten, türkisen shalwar kameez auf, die auf der Straße stehen, sich grüßen, umarmen, unterhalten. Ganze Familien sind unterwegs. Vor der Moschee gibt es kein Weiterkommen, so was habe ich noch nicht gesehen: so viele Muslime auf einem Fleck - und das mitten in Westeuropa!

In der Moschee lerne ich Janna aus Bangladesch kennen, die in Kanada als Kindergärtnerin arbeitet; Noura, die aus Djibouti stammt und sich freut, endlich mal wieder mit jemandem Französisch sprechen zu können; und Bayan, die an einer der Universitäten studiert hat, an der auch ich überlegt hatte zu studieren, und ihre Schwiegermutter, die aus Syrien stammt, in Deutschland lebt, und das Lieschen und mich mit Pfefferminzbonbons, Kaugummis und Schokolade versorgt. Angesichts der Vielfalt der Menschen, die dort zusammenkommen, ist es mir unverständlich, weshalb die Khutba auf Arabisch gehalten wird - außer filistin und afghanistan (das muss der du'a-Part gewesen sein) habe ich nichts verstanden.

Wie es wohl bei den Wahabitinnen gewesen ist? Eine Einladung zum Festgebet hatte ich auch von einer von ihnen per SMS erhalten. Sie hatten irgendwo draußen das Gebet organisiert (weil das Festgebet im Freien Sunna sei...), und ich hatte mit dem Gedanken gespielt, aber mich doch dagegen entschieden. Unter anderem wegen der Khutba, von der ich (mein Bedarf an Wahabi-Predigten war nach der letzten Veranstaltung fürs erste gedeckt) etwas haben wollte - tja.

Montag, 6. September 2010

Die Nacht der Macht

- 27. Ramadhan -

"Wahrlich, Wir haben ihn (den Qur`an) herabgesandt in der Nacht von Al-Qadr (in der Nacht der Macht).
Und was lehrt dich wissen, was die Nacht von Al-Qadr ist?
Die Nacht von Al-Qadr ist besser als tausend Monate.
In ihr steigen die Engel und Gabriel herab mit der Erlaubnis ihres Herrn zu jeglichem Geheiß.
Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgenröte."
Qur'an Sura 97 (Al-Qadr)

Sonntag, 5. September 2010

Die Jungs, 9 - 14

- 26. Ramadhan -

Letzte Woche haben die Jungs den Fußball, der einem von ihnen gehörte, auf das Gitter, das verhindern soll, das jemand die über den Platz schauende Überwachungskamera beschädigt, geschossen.

Es war keine Absicht, aber plötzlich lag der Ball da, vier oder fünf Meter über ihren Köpfen, ein oder zwei Meter unter der Kamera. Und keiner kam dran. Sie fluchten, lachten, beschuldigten sich gegenseitig. Es war die gleiche Gruppe von 10, 12, 15 Jungs, die nachmittags auf dem Spielplatz oder auf den Bänken im Park rumhängen, 9 bis 14 Jahre alt und nicht wirklich was zu tun. Meistens kreisen sie mit ihren Rädern immer und immer wieder auf dem Spielplatz herum, manchmal hat einer einen Hund dabei, letztens haben sie ein altes, kaputtes Fahrrad aus den Büschen gezogen, unter Johlen auseinandergebaut und die Einzelteile auf dem Platz herumgeworfen. Manchmal spielen sie auf dem eingezäunten, betonierten Platz Fußball.

Und jetzt lag der Ball da oben. Der Mann, dem die Wäscherei gehört, kam aus der Tür getreten; er schaute auf die Jungs, schaute hoch, sah den Ball und - nein, er lachte nicht, aber ein Schmunzeln habe ich erkannt auf seinem Gesicht.

Freitag, 3. September 2010

Lieselotte und die Wahabitinnen

- 24. Ramadhan -

Es ist Freitag - und ich dachte mir, ich könnte mich mal wieder auf einer islamischen Veranstaltung blicken lassen. "Free Islamic Event and Iftar" hieß es auf dem Flyer, den mir zwei Mädchen auf der Straße vor einer Weile in die Hand gedrückt hatten, "Women Only". Mit dem Bus, der bei uns um die Ecke fährt, scheine ich da ziemlich gut hinzukommen, also gut.

Am frühen Abend stehe ich also vor dem Gebäude, in dem die Veranstaltung statt finden soll. Ein altes Backsteingebäude, das heute als Moschee, Samstagsschule und für eben solche Veranstaltungen genutzt wird. Natürlich geht es nicht um sechs los, wie es auf der Einladung hieß, aber gegen halb sieben ist es dann soweit. Vor den Reihen von Stühlen für etwa dreißig oder vierzig Frauen, von denen erstaunlich viele Niqab tragen, ist ein Podium mit drei Plätzen aufgebaut. Der hintere Teil des Raums ist mit einem Vorhang abgetrennt, dort ist eine Art Kinderbetreuung organisiert. Dreißig Frauen, die einen Vortrag hören wollen, und mindestens dreißig oder vierzig Kinder, die im gleichen Raum spielen - natürlich geht das nicht gut. Es ist kaum etwas zu verstehen, vor allem, da dazu das Mikro - wenn wundert's - nur semiprofessionell eingestellt ist.

Der Lärmpegel ist enorm. Zudem beginne ich langsam zu verstehen, dass ich da in eine Wahabi-Veranstaltung geraten zu sein scheine. Die Frauen sind unglaublich nett, freundlich, zuvorkommend, aber schon ganz zu Beginn meint eine, mit der ich über das Thema ins Gespräch kam, ich solle doch das Lieschen jetzt langsam mal abstillen - im Qur'an hieße es nämlich, zwei Jahre solle man stillen. (Ja, und? Steht da auch, nach zwei Jahren ist es verboten? Nein? Na also, dann lass mich auch in Frieden mit deinen Tipps...). Derweil erklärt die Frau auf dem Podium, wir sollten unsere Zeit sinnvoll nutzen, den Islam studieren (okay, bis dahin gehe ich noch konform mit ihr), es gäbe ja Leute, die studierten ... Psychologie - was nutzt uns Psychologie? (Hä? Also Leute ... habt ihr da was falsch verstanden oder ich? Es muss doch nicht jeder Mullah werden. Es KANN doch nicht jeder Mullah werden; eine Gesellschaft braucht ein bisschen mehr als nur Islamologen. Oder brauchen Muslime keine Psychologen? Was mache ich dann aber, wenn ich an einer Depression leide? Beten? Ach Leute, kommt schon, DAS ist es nicht, was uns diese Religion lehrt...).

In einem Nebensatz erwähnt sie, dass Musik natürlich auch nicht erlaubt sei - aber das erstaunt mich gar nicht mehr, das ist ja eine unter vielen Muslimen verbreitete Meinung. Wählen gehen ist haram und die Regierungen der USA, Großbritanniens, Saudi-Arabiens und des Irans sind so ziemlich alle des Teufels. Als dann die Frau neben mir, die wie ich ein farbiges Kleid, darüber eine Strickjacke plus Kopftuch trägt, mit einem Blick auf all die in schwarz gekleideten Frauen noch meint, "das, was wir tragen, ist ja auch kein richtiger Hijab"
reicht es mir. Ich schnappe mir das Lieschen, dem das Stimmengewirr und die ganzen Leute auch zu viel sind, und laufe eine Runde um den Block. Einen Mangosaft für das Lieschen und etwas frische Luft für ihre Mama später kommen wir zurück in den Saal. Da ist es auch fast schon Zeit für iftar, es werden Datteln und Wasserflaschen herumgereicht, wir beten zusammen und dann gibt es tandoori chicken in Fladenbrot und halal Cola für alle. Das Essen war vorzüglich.

Donnerstag, 2. September 2010

Das letzte Drittel

- 23. Ramadhan -

"Machst du auch Ramadhan?" wird man als Ali-Durchschnittsmuslim in Deutschland zu gegebener Zeit immer mal wieder gefragt. Dabei kann man den Ramadhan nicht "machen". Ramadhan ist der Name eines Monats des islamischen Kalenders, eines Monats à 29 oder 30 Tagen. Die letzten zehn Tage des Ramadhans haben eine besondere Bedeutung, da sich die Gelehrten ziemlich sicher sind, dass laylat-ul-qadr, die "Nacht der Macht", wie man übersetzen könnte, einem der letzten zehn Tage des Ramadhans zuzuschreiben ist. In dieser Nacht wurde, glaubt man den Muslimen, der erste Teil des Qur'ans offenbart. In den letzten zehn Tagen des Ramadhan ist also Endspurt angesagt: noch mal alles geben, so viele Gebete wie möglich, so ernsthaft und aufrichtig wie möglich. Denn lange ist es nicht mehr, und Ramadhan verabschiedet sich wieder - für bald ein ganzes Jahr.

Dienstag, 31. August 2010

Mein Tag

- 21. Ramadhan -

Working mum
sein heißt Stress haben.

Zumindest kann ich ausschlafen. Bis elf, als mich dann doch das schlechte Gewissen packt und ich den Laptop anschmeiße, um die Zeit, die das Lieschen noch schlummert, für meine Unterrichtsvorbereitung zu nutzen. Tja, denkste. Natürlich wacht die Kleine just in dem Moment auf. Die Arbeitsblätter für die Deutschstunde am Nachmittag erstelle ich also mit langsam wieder einschlummerndem Kleinkind auf dem Schoß. Kind wacht doch auf, wir gehen nach unten, Kind kriegt was zu essen, Frühstück oder Mittagessen oder was. Bis wir fertig sind, ist es Nachmittag, auf zum Supermarkt also, von dort in die Bücherei, Arbeitsblätter ausdrucken, dann nach Hause, Tüten abladen, zur Bekannten flitzen, Lieschen abladen, zur Arbeit hetzen. Fünf Minuten zu spät, das geht ja noch. Nach einer Stunde Unterricht, jemand - die Sprachschule! - hat meiner Schülerin erzählt, nach 10 Stunden Unterricht beherrsche sie Gegenwart, Präsens und Futur und könne sich grundlegend unterhalten - ha ha ha! - ... aber das erwartet sie jetzt von mir ... nach einer Stunde Unterricht laufe ich - nicht mehr ganz so gehetzt - wieder zurück zu der Bekannten, wo das Lieschen selig mit seiner kleinen Freundin spielt. 15, 20 Minuten Smalltalk, Kind in Buggy, Straße wieder runter laufen, eine Viertelstunde später sind wir zu Hause. Kind schläft, in der Küche stehen immer noch die Einkaufstüten und die Wäsche ist jetzt auch durch, aber das muss warten. Gut, dass Essen im Kühlschrank ist und Mikrowelle und Fernseher nicht weit abrufbereit stehen.

Das war mein Tag.

Freitag, 27. August 2010

Europa und die Religion

- 17. Ramadhan -

In der Zeit ist vor einer Weile ein nicht schlechter Artikel zur Frage, welchen Platz die Religion in Europa haben soll, erschienen: Wollen wir ein laizistisches Europa oder eines, in dem viele Religionen nebeneinander ihren Platz haben - auch in der Öffentlichkeit? Ich bin nicht mit jeder Aussage, die er trifft, einverstanden, aber im Großen und Ganzen bringt der Autor es auf den Punkt:


Mittwoch, 25. August 2010

Zain Bhikha and Friends

- 15. Ramadhan -

Zain Bhikha, Dawud Wharnsby Ali, Abdul Malik Ahmad and Bongani Masuka: Can't Take It With You




Zum Lesen, Nachdenken, Mitsingen: der Text.

Dienstag, 24. August 2010

Lieselotte arbeitet

- 14. Ramadhan -

Und dann wollte sie einen Job. In London. Nichts Weltbewegendes, keine Stelle für die nächsten fünf Jahre, sondern einfach nur etwas, was man zeitweise machen könnte, um etwas Fuß zu fassen, um etwas Geld zu verdienen.

Nach einer Weile, in der sie Online-Jobbörsen und Tageszeitungen nach passenden Stellenanzeigen durchforstete; sich zum Profi in der Handhabung der Computer in den lokalen Arbeitsagenturen entwickelte - und in der Übersetzung der für ihre Fachgebiete relevanten Ausdrücke; sich überlegte, was sie eigentlich gut konnte; ihren Lebenslauf umschrieb für Stellen als Lehrerin, Eventmanagerin, Museumsangestellte, Kundenbetreuerin, Übersetzerin, sandwich artist (nee, die Berufsbezeichnung habe ich mir nicht ausgedacht), Putzfrau; in der sie mit offenen Augen durch die Einkaufsstraßen ihrer Stadt lief (war das nicht eine Stellenausschreibung dort vorne auf dem Plakat im Schaufenster?); nach je einem Bewerbungsgespräch für eine Tätigkeit im internationalen Callcentre, als Deutschlehrerin, Übersetzerin; einiger Recherche in den einschlägigen Expat-Internetforen; regelmäßigen Telefonaten mit den mehr oder weniger kompetent wirkenden Vertretern einer ganzen Reihe von recruitment agencies -

Nach einer Weile hatte sie einen Job.

Heute gebe ich meine erste Unterrichtsstunde. In Deutschland würde ich wohl kaum eine Stelle als Deutschlehrerin bekommen, nicht in einer vergleichbaren Institution. Aber in der Fremde ist manches anders und ich freue mich auf morgen. Ich habe ein paar Standard-Einstiegsübungen vorbereitet. Neben Sarah, Julia und Andreas begrüßen sich darin Fatma und Kasia - so viel realitätsnahes Deutschlandbild muss sein. Und für die Hörverständnisübung habe ich einen Rap von Ammar vorbereitet - mal sehen, wie's ankommt.